"Für uns giebt es keine Sonnenzeit; nur Pulsschläge des Lebens. Nach diesen sollten wir unsere Zeit messen; nicht nach Sonn’ und Mond, sondern nach dem Auf- und Niedergange unseres Geistes, dessen Nächte oftmals so lang sind!"
- Carl Friedrich von Rumohr: Drey Reisen nach Italien. Leipzig 1832, S. 269.
(Quelle: lf)
"Ich könnte nicht aus Freundschaft lieben, würde die Kraft dieses Liebens nicht an den Horizont jenes Todes heranreichen. Der Horizont ist die Grenze und die Abwesenheit der Grenze, das Verschwinden des Horizonts, die Grenze als Abwesenheit der Grenze. Ich könnte nicht aus Freundschaft lieben, ohne mich dazu verpflichten, ohne mich im voraus verpflichtet zu fühlen, den andren über den Tod – also über das Leben hinaus zu lieben. Im voraus, vor jedem Vertrag, fühle ich mich unwiderstehlich dazu hingerissen, den toten anderen zu lieben. Ich fühle mich so (hingerissen zu) lieben; so fühle ich mich (lieben)."
- Jacques Derrida: Politik der Freundschaft, Frankfurt am Main 2002, S. 33.
"Obwohl er bereits ein paarmal an anderer Stelle gestorben ist malt er sich wieder seinen Tod aus. Das belebt ihn."
- Robert Pinget: Kurzschrift. Aus Monsieur Traums Notizheften, Berlin 1991, S. 104.
"Sobald man allein lebt, quälen einen die Fragen nach dem ganzen eigenen Leben. Das macht einen schier fertig. Um es loszuwerden, bekleckert man alle Leute damit, die einen besuchen, und geht ihnen auf die Nerven. Allein sein heißt sich im Sterben üben."
- Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht, Reinbek bei Hamburg 2003, S. 496.
"Statt zu fragen, wofür wir leben, fragen wir uns nur noch, wie wir möglichst lange leben beziehungsweise überleben können - gemäß den nunmehr völlig fraglos verabsolutierten Prinzipien wie Gesundheit, Sicherheit, Nachhaltigkeit und - vor allem - Kosteneffizienz. Dies ist nicht allein ein Stück Torheit - gemäß den Worten des Epikur, wonach der Weise niemals das größte Brot wähle, sondern immer das süßeste. Wir begehen damit vielmehr genau das, was in den Augen des römischen Satirikers Juvenal die schlimmste ethische Verfehlung darstellte. Er schrieb: ›Betrachte es als den größten Frevel, das nackte Leben höher zu stellen als die Scham. Und um des Lebens willen die Gründe, für die es sich zu leben lohnt, zu verlieren.‹"
- Robert Pfaller, »Wofür es sich zu leben lohnt. Und was uns das vergessen lässt: Über-Ich, Narzissmus, Beuteverzicht«, in: Christoph Menke und Juliane Rebentisch (Hg.):
Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus, Berlin 2010, S. 193.
(Quelle: edsminorplace)
"Bücher, die einen das Leben lang begleiten, weigern sich überhaupt der Ordnung systematischer Plätze und insistieren auf denen, die sie selber sich suchen; wer ihnen die Unordnung gönnt, muß nicht lieblos zu ihnen sein, sondern nur ihren Launen gehorsam. Dafür wird er dann häufig bestraft, denn diese Bücher sind es, die am liebsten sich davon machen."
- Theodor W. Adorno: Bibliographische Grillen, in: Rolf Tiedemann (Hg.): Theodor W. Adorno – Noten zur Literatur, Frankfurt am Main 1981, S. 349.
"Das Leben zu ertragen bleibt ja doch die erste Pflicht aller Lebenden."
- Sigmund Freud: Zeitgemäßes über Krieg und Tod II Unser Verhältnis zum Tode, in: Alfred Lorenzer & Bernhard Görlich (Hg.): Sigmund Freud - Das Unbehagen der Kultur und andere kulturtheoretische Schriften, Frankfurt am Main 2004, S. 161.
(Quelle: drkorsakov, via walter-benjamin-bluemchen)
"Ob einer glücklich ist, kann er dem Winde anhören. Dieser mahnt den Unglücklichen an die Zerbrechlichkeit seines Hauses und jagt ihn aus leichtem Schlaf und heftigem Traum. Dem Glücklichen singt er das Lied seines Geborgenseins: Sein wütendes Pfeifen meldet, dass er keine Macht mehr hat über ihn."
- Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt am Main 1951, S. 54.
(Quelle: hankythewanky, via brainexpectingrain)
"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen."
- Das Evangelium des Johannes 1, 1-5, in: Evangelische Kirche in Deutschland (Hg.): Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart 1999, S. 107.
"Wer kam nicht schon einmal aus der Métro ins Freie und war betroffen, oben in das volle Sonnenlicht zu treten. Und dennoch schien die Sonne vor ein paar Minuten, als er hinunterstieg, genau so hell. So schnell hat er das Wetter auf der Oberwelt vergessen. So schnell wird wiederum sie selber ihn vergessen. Denn wer kann mehr von seinem Dasein sagen, als daß er zwei, drei andern durch ihr Leben so zärtlich und so nah wie das Wetter geozgen ist."
- Walter Benjamin: Einbahnstraße, Frankfurt am Main 1985, S. 117.
"Kurz, also was Moral heute vielleicht überhaupt noch heißen darf, das geht wohl über an die Frage nach der Einrichtung der Welt - man könnte sagen: die Frage nach dem richtigen Leben wäre die Frage nach der richtigen Politik, wenn eine solche richtige Politik selber heute im Bereich des zu Verwirklichenden gelegen wäre. – Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen gute Ferien."
- Theodor W. Adorno: Probleme der Moralphilosophie, Frankfurt am Main 2010, S. 262.
"Calvin hin, Hölle her: im Tod, der keinem sein eigener Tod ist, per definitionem sein kann (denn unser Raum ist immer das Leben oder was mehr, aber nicht was weniger als dieses ist) - auch im Tod ist etwas von jener reichen Katze, die die Maus erst laufen läßt, bevor sie sie frißt."
- Ernst Bloch: Spuren, Frankfurt am Main 1969, S. 46 (
burgzimmer).