Hint: Use 'j' and 'k' keys
to move up and down

Wonnegrausen

Ich hätt' so gern ein Mozartzöpfchen und den Tausendtod in der Zitationsmasturbation...

Stattansicht.

Stattansicht.

(via frutelia3000)

"Wir haben eben keineswegs eine kurze Abhandlung über die Praxis der Revolution vorgelegt, die in den folgenden Regeln ausformuliert werden könnte:
1 - Man beginne damit, den Klassenkampf in den ideologischen Staatsapparaten zu entfesseln und achte dabei [sorgfältig] darauf, dass die »Hauptstoßrichtung« sich gegen den herrschenden ideologischen Staatsapparat richtet (heute die Schule);
2 - man kombiniere alle Formen des Klassenkampfs in allen ideologischen Staatsapparaten miteinander, um sie so weit zu erschüttern, dass es ihnen unmöglich wird, ihre Funktion der Reproduktion der Produktionsverhältnisse zu erfüllen, und dann
3 - trete man mit allen Volkskräften, zusammengefasst unter der Leitung der revolutionären Politischen Partei - der Partei der revolutionären Klasse - zur Eroberung der Staatsmacht an und zerquetsche dabei dessen letzten Apparat: seinen repressiven Apparat (Polizei, CRS usf. und die Armee).
Das wäre absurd und zu allem Überfluss noch infantil, weil es voluntaristisch, abenteuerlich und idealistisch wäre. Die Ereignisse lassen sich nicht derart kommandieren."
- Louis Althusser: Über die Reproduktion, Ideologie und ideologische Staatsapparate, Hamburg 2012, S. 230.

(Quelle: abendgesellschaft)

"Nichts macht dich abhängiger als der Wunsch nach Unabhängigkeit. Unabhängigkeit ist auf niemands Stirn so herrlich geschrieben als auf die des Knaben, der in die Welt geht einen Meister und Lehrer zu suchen."
- Franz Baermann Steiner: Feststellungen und Versuche. Aufzeichnungen 1943-1952, Göttingen 2009, S. 154.
"Glück wird aus Verlust geboren,
Ewig ist nur, was verloren."
- Henrik Ibsen zitiert nach: Walter Benjamin: Brief an Max Horkheimer vom 28. März 1937, in: Rolf Tiedemann und Schweppenhäuser (Hg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band II.3, Frankfurt am Main 1991, S. 1338.

(Quelle: walter-benjamin-bluemchen)

"Seit einiger Zeit hat sich in Deutschland, vor allem in Berlin, eine junge radikale Intelligenz entwickelt, die in Zeitschriften und Büchern ziemlich heftig und gleichförmig gegen den Kapitalismus auftritt. Sie scheint auf den oberflächlichen Blick hin ein ernster Gegenspieler aller der Mächte zu sein, die nicht gleich ihr unmittelbar eine vernünftige menschliche Ordnung erstreben. Mag ihr Protest indessen auch echt gemeint und oft fruchtbar sein, sie macht es sich mit dem Protest zu leicht. Denn sie entzündet sich gewöhnlich nur an den extremen Fällen: dem Krieg, den krassen Fehlurteilen der Justiz, den Maiunruhen usw., ohne das normale Dasein in seiner unmerklichen Schrecklichkeit zu ermessen. Nicht die Konstruktion dieses Daseins selber, sondern einzig und allein einige seiner weithin sichtbaren Ausstrahlungen treiben sie zur Gebärde der Rebellion."
- Siegfried Kracauer: Die Angestellten, Frankfurt am Main 1971, S. 109.

(Quelle: abendgesellschaft)

"Die Entgegnung, die ich darauf zu geben habe, ist die, daß die Gesellschaft, die vergesellschaftete Gesellschaft, eben nicht bloß ein solcher funktionaler Zusammenhang zwischen den vergesellschafteten Menschen ist, sondern daß sie wesentlich, als eine Voraussetzung, bestimmt ist durch den Tausch. Das, was Gesellschaft eigentlich zu einem Gesellschaftlichen macht, wodurch sie im spezifischen Sinn sowohl begrifflich konstituiert wird, wie auch real konstituiert wird, das ist das Tauschverhältnis, das virtuell alle Menschen, die an diesem Begriff von Gesellschaft teilhaben, zusammenschließt, und das in einem gewissen Sinne auch die Voraussetzung nachkapitalistischer Gesellschaften, wenn ich es einmal so vorsichtig jetzt ausdrücken soll, darstellt, in denen ja sicher nicht davon die Rede sein kann, daß nicht mehr getauscht wird."
- Theodor W. Adorno: Einleitung in die Soziologie, Frankfurt am Main 2003, S. 57.
"Dies Bewußtsein hat nämlich nicht um dieses oder jenes, noch für diesen oder jenen Augenblick Angst gehabt, sondern um sein ganzes Wesen; denn es hat die Furcht des Todes, des absoluten Herrn, empfunden. Es ist darin innerlich aufgelöst worden, hat durchaus in sich selbst erzittert, und alles Fixe hat in ihm gebebt. Diese reine allgemeine Bewegung, das absolute Flüssigwerden alles Bestehens ist aber das einfache Wesen des Selbstbewußtseins, die absolute Negativität, das reine Für-sich-sein, das hiemit an diesem Bewußtsein ist."
- Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes, in: Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel (Hg.): G.W.F. Hegel - Werke, Band 3, Frankfurt am Main 1986, S. 153.

(Quelle: zartcore, via theimpossibleheap)

"Der Staat und die Einrichtung der Gesellschaft sind von dem politischen Standpunkt aus nicht zwei verschiedene Dinge. Der Staat ist die Einrichtung der Gesellschaft. Sofern der Staat soziale Mißstände zugesteht, sucht er sie entweder in Naturgesetzen, denen keine menschlichen Macht gebieten kann, oder in dem Privatleben, das von ihm unabhängig ist, oder in der Zweckwidrigkeit der Administration, die von ihm abhängt. […] Nach einer andern Seite hin erklärt es den Pauperismus aus dem schlechten Willen der Armen, wie ihn der König von Preußen aus dem unchristlichen Gemüt der Reichen und wie ihn der Konvent aus der konterrevolutionären verdächtigen Gesinnung der Eigentümer erklärt. England bestraft daher die Armen, der König von Preußen ermahnt die Reichen, und der Konvent köpft die Eigentümer.
Endlich suchen alle Staaten in zufälligen oder absichtlichen Mängeln der Administration die Ursache, und darum in Maßregeln der Administration die Abhülfe seiner Gebrechen. Warum? Eben weil die Administration die organisierende Tätigkeit des Staats ist.
Den Widerspruch zwischen der Bestimmung und dem guten Willen der Administration einerseits, und ihren Mitteln wie ihrem Vermögen andrerseits, kann der Staat nicht aufheben, ohne sich selbst aufzuheben, denn er beruht auf diesem Widerspruch. […] Die Administration muß sich daher auf eine formelle und negative Tätigkeit beschränken, denn wo das bürgerliche Leben und seine Arbeit beginnt, eben da hat ihre Macht aufgehört. Ja, gegenüber den Konsequenzen, welche aus der unsozialen Natur dieses bürgerlichen Lebens, dieses Privateigentums, dieses Handelns, dieser Industrie, dieser wechselseitigen Plünderung der verschiedenen bürgerlichen Kreise entspringen, diesen Konsequenzen gegenüber ist die Ohnmacht das Naturgesetz der Administration."
- Karl Marx: Kritische Randglossen zu dem Artikel “Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen”, in: Institut für Marxismus-Leninismus (Hg.): Karl Marx – Friedrich Engels – Werke, Berlin 1988, Band 1, S. 401.
Edle Künstler_innen MDCXLIX: Henri Rousseau – War, Or Discord on Horseback, 1894.

Edle Künstler_innen MDCXLIX: Henri Rousseau – War, Or Discord on Horseback, 1894.

(via cavetocanvas)

"Statt zu fragen, wofür wir leben, fragen wir uns nur noch, wie wir möglichst lange leben beziehungsweise überleben können - gemäß den nunmehr völlig fraglos verabsolutierten Prinzipien wie Gesundheit, Sicherheit, Nachhaltigkeit und - vor allem - Kosteneffizienz. Dies ist nicht allein ein Stück Torheit - gemäß den Worten des Epikur, wonach der Weise niemals das größte Brot wähle, sondern immer das süßeste. Wir begehen damit vielmehr genau das, was in den Augen des römischen Satirikers Juvenal die schlimmste ethische Verfehlung darstellte. Er schrieb: ›Betrachte es als den größten Frevel, das nackte Leben höher zu stellen als die Scham. Und um des Lebens willen die Gründe, für die es sich zu leben lohnt, zu verlieren.‹"
- Robert Pfaller, »Wofür es sich zu leben lohnt. Und was uns das vergessen lässt: Über-Ich, Narzissmus, Beuteverzicht«, in: Christoph Menke und Juliane Rebentisch (Hg.): Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus, Berlin 2010, S. 193. 

(Quelle: edsminorplace)

Ich in der Krise meiner Kindheit XLVIII

Die eine Karte hab ich noch nicht gesehen

Einmal so ins Schreiben kommen, wie dieses Abziehbildchen hinter der Stirn, dass den Schreibenden auspinselt, unter Lampenschein und Rauchverzug – Seite für Seite, ganz versenkt. Oder ihn sprechen lässt, als könnte er kein Ende darin finden. Satz für Satz eine Logik ausbreitend, die die Verwirrung als unterbestimmte Daseinsform kennt, müde belächelt; denn dieser Faden, blutverschmiert mag es unken, ist auch für denjenigen erfühlbar, der ihn hört und verständig antwortet, oder aufgreifend, die beiden Fäden verbindend, so spiralig sich erhebend. So müsste es sein – das Schreiben. 

Das Abziehbildchen hat ein eigen’ Leben. Es hat die Stirn immer schon verlassen. Der so schreiben will, ist immer schon ungeheuer aufgeblasen: Seine Stirn diffundierte, er ist nie so vereinzelt, wie er es erträumt, wenn er schreibt und nicht mehr aufhört. Denn vom Schreiben hält ihn anfänglich Äußeres ab: Es sind die kleinen Tabakkrumen auf seinem Schreibtisch, der bohrende Nachbar, die scheinbar hohlen Phrasen des Straßengesprächs, die Zimmertemperatur oder der Zustand der Kaffeekanne. Er ist stets vereinzelt in einer Vielheit des Sprechens, auch dem der Dinge. 

Das Abziehbildchen ist stets ein Phantasma, in gewissem Sinne ein Ding. Es fühlt sich so an, als wäre es für einen Selbst ungeheuer geltend, als wäre es weniger ein Bild, als vielmehr eine Handlungsanweisung, gar ein Imperativ im weiteren Sinne. Dieser Imperativ hat aber Brüche: Er ist weder an den Vereinzelten gerichtet, noch ist der Vereinzelte ein solcher in ihm. Der Imperativ des “Du sollst schreiben” hat ein merkwürdiges Du, was angesprochen wird, und ein noch merkwürdigeres Ich, was diesen Satz spricht. Wie kann ich ihm nur so verpflichtet sein, dass er mich peinigt? Dass er selbst, wenn ich schreibe, immer wieder sich Geltung verschafft, indem er dies löschen lässt, was dort geschrieben stand, da ich nicht so schrieb, dass es sich schrieb? Diese Unbestimmtheit des Imperativs hätte dem Zweifel eine Ritze in ihm offerieren müssen. Er wäre dann kein wirklicher Imperativ gewesen (oder ein wirklicher in einer bestimmten Kant-Lektüre). 

Und erst die Augen, die auf dem Geschriebenen ruhen, sind nicht das eine Augenpaar. Es sind auch keine bloßen Blicke. Es sind Augen der Wörter, die immer schon in unglaublich vielen Mündern waren, die sie nicht etwa aufluden mit etwas, sondern die erst in ihnen diese Münder »machten«. Sie hatten zu uns gesprochen. Sie hatten uns in einen Bilderreigen verstrickt, der nie bei dem einsamen Schreiber aufhört, der dort kauert, sich verbissen hat, verbissen wurde, wie aufgerissen, unfähig, weil er nur noch sich, den Lampenschein und die endlose Ansammlung von Kippen kannte. Dieser Bilderreigen war keine unfassbare Ansammlung, sondern die ganze Polyphonie einer Geschichte, in der es Fäden gab, die sich als Monologe behaupteten, und ganz vergessen hatten, dass sie schon zu jemanden gesprochen hatten, dass sie von etwas angesprochen wurden. 

Der Imperativ ist eine stets defizitäre Form der Bestimmung des Selbstverhältnisses. Und die Schreibblockade auch.

Theorie und Praxis der Ohnmacht I

Die Endlosigkeit der zu bearbeitenden Aufgaben verwirklicht sich zuerst in der Ohnmacht gegenüber jedem zweckvollen Handeln. Es scheint einfach unmöglich, etwas zu tun, was gelingen könnte. Gelingen bedeutet hier in erster Linie ein Beenden der Bearbeitung der Aufgaben. Das Gelingen ist aber mit dem Anfangen vermittelt, welches den Vollzug des Anfangens nicht als Möglichkeit, sondern als Wirklichkeit kennt. Die pure Entscheidung ist nur ein Moment des Vollzuges. Sie kann weder Anfang noch Ende des Vollzuges sein.

Dennoch ist sie wesentliches Moment der Ohnmacht, da die Entscheidung als dasjenige erscheint, was zuvörderst zu tun ist. Es muss etwa eine Zweck-Setzung getroffen werden, die zu realisieren ist. Dies ist eine Verdrängung nicht etwa der Möglichkeiten des Tuns, sondern sie ist eine Verdrängung der Wirklichkeit des Vollzuges. 

Der Ohnmächtige reflektiert den Vollzug stets unterbestimmt. Er verbleibe im Denken, anstatt etwas zu tun, könnte eine Kritik des Ohnmächtigen sagen. Dies geht aber am Problem des Ohnmächtigen vorbei, denn sein Problem ist nicht die Praxis, deren Wirkmächtigkeit erkennt er als seine Ohnmacht an. Er ist nicht zu sehr in der Theorie, sondern er ist zu sehr an einer praktischen Theorie interessiert, die in erster Linie seine Ohnmacht aufheben soll. 

Der Ohnmächtige weiß nämlich nicht, welches die angemessene Zwecksetzung ist, da er von einer bestimmten, richtigen Zwecksetzung ausgeht, die nur gelingen kann. Oder aber er weiß um die zu realisierende Zwecksetzung, aber kann sich in der Wahl seiner Mittel nicht wirklich entscheiden. 

Kein Anfangen ist zu ergreifen, weil es zu viele mögliche Anfänge gibt. Ohnmacht ist das Denken der Wirklichkeit in Möglichkeiten, deren Gleichwertigkeit sich als deren Unmöglichkeit manifestiert. Sie ist eine schlecht-abstrakte Darstellung der Vergesellschaftung der Ohnmacht. Sie beschränkt sich nämlich auf ein bestimmtes Modell der Praxis, nicht etwa auf eines der Theorie. Der Ohnmächtige denkt zu sehr auf die Zwecksetzung oder die Mittelwahl fokussiert. 

Der Gegenstand als praktisches wie theoretisches Problem ist der Ohnmacht nicht fremd. Entweder der Gegenstand wird als bloß praktisches Problem gedacht – dann ist er zu gewaltig, zu widerständig. Er lässt sich nicht richtig fassen, wird nebulös, wurde schon von zu vielen Menschen bearbeitet, wird nicht von der Darstellung des Ohnmächtigen getroffen. Der Ohnmächtige schreibt an ihm vorbei und muss dies immer wieder anerkennen. Oder die Erfahrung des Gegenstandes ist unmöglich. Der Ohnmächtige kann sich nicht auf den Gegenstand einlassen, weil er sich nicht auf ihn als bestimmten einlässt. Er tut irgendetwas, aber nichts, was wirklich mit dem Gegenstand zu tun hat. Dies kennt viele Formen: Irgendwelche Tätigkeiten, die plötzlich erledigt werden oder in denen sich verloren wird. Der Gegenstand ist ein bloß theoretischer Gegenstand geworden. Es gibt viele mögliche Gegenstände und irgendwie ist der bestimmte Gegenstand kein wirklicher Gegenstand der Lebensvollzüge des Ohnmächtigen. 

Wenn es nun aber die Zwecksetzung des Ohnmächtigen ist, diesen Gegenstand zu bearbeiten, dann wird der Gegenstand stets wieder zu einem praktischen Problem werden. Er ist nicht nur ein möglicher Gegenstand, sondern seine Wirklichkeit ist auch in seiner Abwesenheit präsent (seiner Unmöglichkeit). Egal, was der Ohnmächtige auch mit anderen Gegenständen tut, es widerfährt ihm die Wirklichkeit des Gegenstandes als seine Abwesenheit im momentanen Vollzug. Der Gegenstand ist ob seiner Unwirklichkeit wirklich. 

Wir könnten sagen, dass der Ohnmächtige also: 1. die Entscheidung fetischisiert, er denkt sich eben nicht wirklich als der Ohnmächtige. Er will im Vollzug als Ohnmächtiger aufgehen, will die wahre Zwecksetzung, die einzig richtige Mittelwahl und die vollständige Aufhebung seiner Ohnmächtigkeit. Er will das Mögliche als Unmögliches. 2. den Gegenstand nicht als Wirklichen begreift, da er den Vollzug als widerspruchslosen denkt, der einfach gelingt. Der Widerstand des Gegenstandes kommt nur als Scheitern des Gelingens in Betracht. Der Widerstand wird nicht als Notwendigmögliches begriffen, sondern er ist das Unmögliche als Mögliches.

Der Ohnmächtigen ist also nicht derjenige, der bloß ein theoretisches Problem hat, was sich einfach lösen würde, wenn er nur täte. Dies denkt er sich ja auch so, oder zumindest kommt dieses Argument seinen Formen sehr nahe.

Der Vollzug ist eben keine reine Entscheidung. Er ist auch immer ein Entschieden-Sein oder ein Entschieden-Werden. Dass Widerstände in diesem Vollzug erfahren werden, ist nicht bloß dem einen Gegenstand geschuldet, er ist stets mit anderen Gegenständen vermittelt. Indem sich der Ohnmächtige auf den einen Vollzug fixiert, kastriert er sich als der Mächtige, der er nicht sei: Der Ohnmächtige behauptet mit einer solchen Wirklichkeit seine Ohnmacht, dass er seine Behauptung nicht mehr als eine Behauptung begreifen kann.

Der Vollzug ist aber stets nicht nur eine theoretische Praxis. Selbst in ihr zeigt sich, dass Zwecksetzungen nie absolut sein können, dass Mittel nicht in einer bestimmten Zwecksetzung aufgehen, sondern eben auch etwas anderes als Momente der Realisierung von Zwecken sind, dass Gegenstände nicht in Zwecksetzungen aufgehen, sondern sich negativ verwirklichen, indem sie ein Scheitern als ein Moment ihrer Bestimmung anerkennen. Wir müssen dies so metaphorisch sagen, weil sie Wirkliche im Prozess des Scheiterns sind, weil sie bestimmbar bleiben, nie einfach Unbestimmbares sind.

Dies ist aber Annahme des Ohnmächtigen, dass er nicht anfangen könne.  Er kann keine praktische Theorie mehr darstellen, denn sonst müsste er sich auch als derjenige begreifen, der scheitert, weil er dessen mächtig ist, weil dies notwendigmögliche Form der Praxis ist.

"andrerseits ist die zertrümmerung, sprengung, atomisierung der einzelpsyche eine tatsache, d.h. es ist nicht nur eine beobachtungsgewohnheit fehlerhafter art, wenn man diese eigentümliche kernlosigkeit der individuen feststellt, nur bedeutet kernlosigkeit nicht substanzlosigkeit. man hat eben neue gebilde vor sich, die neu zu bestimmen sind. selbst auflösung ergibt nicht nichts. dabei ist ja auch die abgrenzung der einzelpsychen immer noch deutlich wahrnehmbar. auch das neue gebilde reagiert und agiert individuell, einmalig, unschematisch."
- Bertolt Brecht: Notiz vom 21.4.1941. In: Werner Hecht (Hg.): Bertolt Brecht – Arbeitsjournal, Frankfurt am Main 1973, Band I, S.270. 

(Quelle: theimpossibleheap)

Anzustrebende Wohnorte XIII: Marginalisierte Lesekreise.
Die Rückkehr in den Studienort markiert immer ein Ereignis, was sich in Kreisen vollzieht. Es fängt irgendwo an, wo es fast immer anfing: In einem Zimmer, was mit Sitzgelegenheiten überfüllt war, was von Tischen bevölkert wurde, die voll waren. Asche, Flaschen, mit Asche und Filtern gefüllte Tassen oder Gläser, je wechselnd, da es beständig dämmerte. Es war vollkommen gleich, wo es anfing. Es fing dort an, wo eine anfing zu sprechen, wo es meist um irgendeinen Text ging, wo irgendein Text mitsprach. Er lag vor einem, war irgendwie erinnert präsent, berührte jemand anderes an der Stirn oder im Magen.
Im Sprechen über Texte verfeinerte sich die Inneneinrichtung. Es kamen Bücher hinzu. Ein Wettstreit um die pure Quantität von Buchleibern, die sich an den Wänden stapeln und in den Regalen reihen sollten. War dies nicht gegeben, wurde mit Anschaffungsbemühungen rationalisiert, es wurde auf die Kopienstapel verwiesen oder davon gesprochen, dass einem das Gespräch zur Stützung des Wissens oder Begreifens stets angemessener erschienen sei. Manche_r musste auch aussprechen, dass ihm oder ihr Theorie nie so wichtig gewesen sei, eher die bildende Kunst oder das Musikalische. Dann gab es Plattenreihen oder einen Gerhard Richter. Aber auch sonst bleibt das Mobiliar nicht von den Gegenständen des Gesprächs ausgeschlossen.  Es wird anerkannt in seiner Farbkomposition, in der Schönheit der Weingläser oder in der Unabgestimmtheit von Küchenboden und Bestuhlung. Es war erwachsener geworden, es gab eine Sorge um den anderen, die nicht unbedingt in Ressentiment und Rancune untergehen musste. Aber durchwegs, gerade im Anfangen, aufkommen musste.
In manchen dieser Kreise fand man auch andere Aufarbeitungsstrategien oder Verdrängungsmaschinen: Es wurde der Rausch intensiviert oder die Gerichtetheit der Beleidigungen, so dass diese als kleine Partikel aufgenommen und verteilt wurden. Dies ist meist dort gegeben, wo es einen Hang zum gebundenen Sprechen gibt, einem Sprechen in bestimmten Versen. In solchen musikalischen Kreisen kann länger gerastet werden, weil sie auch dem Rausch nie abträglich sind. Meist sind dort die Gespräche systematischer, als in den Kreisen, die sich ausschließlich auf Texte verfestigt haben. Sie greifen punktuell ein, entfalten dies, solange der Beat anhält; sie verflüchtigen sich wieder, wo es in Feindmarkierungen gipfeln könnte und stiften einen faulen bis umstrittenen Frieden. Findet sich im textuellorientierten Lesekreis eine solche Verunreinigung ein, so kann diese immerhin mit neuen Referenzen überboten werden, die nicht einfach auf Metrik, Metaphorik und Korrespondenzverhältnisse zum Beat abzielen, sondern ein ungeteiltes Gemeinsames in den Raum überführen: Das Nicht-Wissen.
Freilich kann das Nicht-Wissen mit der Zahl der in einem Raum nicht befindlichen Bücher gleichgesetzt werden. In infantilen Lesekreisen wird dies an der Zahl der Bücher markiert, die in den Kanon gehören. Es werden erst immer die fünf oder zehn zentralen Werke in den Bücherregalen ausgemacht, dann kann in die Differenzierungen ausgebrochen werden, so dass sich auch dort Gemeinsamkeiten finden. Manchmal wird aber auch das Nicht-Wissen im Gespräch manifest, so dass es sich in unterschiedlichen Handlungen anerkannt weiß.
Triumphiert das Bornierte, der Verweis auf die Unbelesenheit oder die Lüge, dass dies doch alles sonnenklar sei, dann muss dieser Kreis verlassen werden. Schamesröte und Selbstkritiktribunale sind dieser freiwilligen Organisationsform unangemessen, wenn sie überhaupt je ihre Angemessenheit entfalten konnten. Bedingt durch die aufkommenden Hierarchisierungstendenzen in solchen Kreisen, wer denn nun das Erste ist, in welcher Hinsicht auch immer, die oder der kann nur zeitweise an dem Anfang stehen, da im Kreis stets alles gleich nah zum Mittelpunkt sein muss, so dass immer wieder Menschen aus diesem Kreis ausscheiden. Der Kreis ist auch eine Reinszenierung. Er wiederholt sich nicht nur jede Woche, außer in den Semesterferien, sondern er hat auch immer wieder dieselben Streits. Wechseln dann nicht die Hierarchisierungsmuster, dann ist er abgestorben, dann toben Grabenkämpfe. Solche Reinszenierungen verlangen andere Formen des Austausches oder des Dialogs, die nicht in Lesekreisen zu bewältigen sind. Die Gleichsetzung von Lesekreis und Selbsthilfegruppe kann inszestuöse bis triangulierte Formen hervortreiben, die meist sehr strapaziös verlaufen, sehr aufzehrend sind. 
Das Wundersame in gewissen Zeiten in Marburg war, dass es stets so viele Lesekreise gab, dass einfach die Fluktuation des schönen Sprechens so groß war, dass es keinen sinnvollen Anfang oder ein unangemessenes Enden gegeben hätte: Sie lasen auch dann noch, als die Lichtquellen ihrer Erkenntnis schon längst abgestellt waren und der Kabelbruch jedes gebundene Sprechen unmöglich machte. Marburg war für eine Zeit, zwei Lesekreis. Immer mal wieder jenseits einer Wahrheit seienden Orthodoxie und einer repressiven Toleranz der Beliebigkeiten. Gut, dass sich so etwas reinszenieren lässt.

Anzustrebende Wohnorte XIII: Marginalisierte Lesekreise.

Die Rückkehr in den Studienort markiert immer ein Ereignis, was sich in Kreisen vollzieht. Es fängt irgendwo an, wo es fast immer anfing: In einem Zimmer, was mit Sitzgelegenheiten überfüllt war, was von Tischen bevölkert wurde, die voll waren. Asche, Flaschen, mit Asche und Filtern gefüllte Tassen oder Gläser, je wechselnd, da es beständig dämmerte. Es war vollkommen gleich, wo es anfing. Es fing dort an, wo eine anfing zu sprechen, wo es meist um irgendeinen Text ging, wo irgendein Text mitsprach. Er lag vor einem, war irgendwie erinnert präsent, berührte jemand anderes an der Stirn oder im Magen.

Im Sprechen über Texte verfeinerte sich die Inneneinrichtung. Es kamen Bücher hinzu. Ein Wettstreit um die pure Quantität von Buchleibern, die sich an den Wänden stapeln und in den Regalen reihen sollten. War dies nicht gegeben, wurde mit Anschaffungsbemühungen rationalisiert, es wurde auf die Kopienstapel verwiesen oder davon gesprochen, dass einem das Gespräch zur Stützung des Wissens oder Begreifens stets angemessener erschienen sei. Manche_r musste auch aussprechen, dass ihm oder ihr Theorie nie so wichtig gewesen sei, eher die bildende Kunst oder das Musikalische. Dann gab es Plattenreihen oder einen Gerhard Richter. Aber auch sonst bleibt das Mobiliar nicht von den Gegenständen des Gesprächs ausgeschlossen.  Es wird anerkannt in seiner Farbkomposition, in der Schönheit der Weingläser oder in der Unabgestimmtheit von Küchenboden und Bestuhlung. Es war erwachsener geworden, es gab eine Sorge um den anderen, die nicht unbedingt in Ressentiment und Rancune untergehen musste. Aber durchwegs, gerade im Anfangen, aufkommen musste.

In manchen dieser Kreise fand man auch andere Aufarbeitungsstrategien oder Verdrängungsmaschinen: Es wurde der Rausch intensiviert oder die Gerichtetheit der Beleidigungen, so dass diese als kleine Partikel aufgenommen und verteilt wurden. Dies ist meist dort gegeben, wo es einen Hang zum gebundenen Sprechen gibt, einem Sprechen in bestimmten Versen. In solchen musikalischen Kreisen kann länger gerastet werden, weil sie auch dem Rausch nie abträglich sind. Meist sind dort die Gespräche systematischer, als in den Kreisen, die sich ausschließlich auf Texte verfestigt haben. Sie greifen punktuell ein, entfalten dies, solange der Beat anhält; sie verflüchtigen sich wieder, wo es in Feindmarkierungen gipfeln könnte und stiften einen faulen bis umstrittenen Frieden. Findet sich im textuellorientierten Lesekreis eine solche Verunreinigung ein, so kann diese immerhin mit neuen Referenzen überboten werden, die nicht einfach auf Metrik, Metaphorik und Korrespondenzverhältnisse zum Beat abzielen, sondern ein ungeteiltes Gemeinsames in den Raum überführen: Das Nicht-Wissen.

Freilich kann das Nicht-Wissen mit der Zahl der in einem Raum nicht befindlichen Bücher gleichgesetzt werden. In infantilen Lesekreisen wird dies an der Zahl der Bücher markiert, die in den Kanon gehören. Es werden erst immer die fünf oder zehn zentralen Werke in den Bücherregalen ausgemacht, dann kann in die Differenzierungen ausgebrochen werden, so dass sich auch dort Gemeinsamkeiten finden. Manchmal wird aber auch das Nicht-Wissen im Gespräch manifest, so dass es sich in unterschiedlichen Handlungen anerkannt weiß.

Triumphiert das Bornierte, der Verweis auf die Unbelesenheit oder die Lüge, dass dies doch alles sonnenklar sei, dann muss dieser Kreis verlassen werden. Schamesröte und Selbstkritiktribunale sind dieser freiwilligen Organisationsform unangemessen, wenn sie überhaupt je ihre Angemessenheit entfalten konnten. Bedingt durch die aufkommenden Hierarchisierungstendenzen in solchen Kreisen, wer denn nun das Erste ist, in welcher Hinsicht auch immer, die oder der kann nur zeitweise an dem Anfang stehen, da im Kreis stets alles gleich nah zum Mittelpunkt sein muss, so dass immer wieder Menschen aus diesem Kreis ausscheiden. Der Kreis ist auch eine Reinszenierung. Er wiederholt sich nicht nur jede Woche, außer in den Semesterferien, sondern er hat auch immer wieder dieselben Streits. Wechseln dann nicht die Hierarchisierungsmuster, dann ist er abgestorben, dann toben Grabenkämpfe. Solche Reinszenierungen verlangen andere Formen des Austausches oder des Dialogs, die nicht in Lesekreisen zu bewältigen sind. Die Gleichsetzung von Lesekreis und Selbsthilfegruppe kann inszestuöse bis triangulierte Formen hervortreiben, die meist sehr strapaziös verlaufen, sehr aufzehrend sind. 

Das Wundersame in gewissen Zeiten in Marburg war, dass es stets so viele Lesekreise gab, dass einfach die Fluktuation des schönen Sprechens so groß war, dass es keinen sinnvollen Anfang oder ein unangemessenes Enden gegeben hätte: Sie lasen auch dann noch, als die Lichtquellen ihrer Erkenntnis schon längst abgestellt waren und der Kabelbruch jedes gebundene Sprechen unmöglich machte. Marburg war für eine Zeit, zwei Lesekreis. Immer mal wieder jenseits einer Wahrheit seienden Orthodoxie und einer repressiven Toleranz der Beliebigkeiten. Gut, dass sich so etwas reinszenieren lässt.

(via naipan)