Stattansicht.
(via frutelia3000)
(Quelle: abendgesellschaft)
(Quelle: walter-benjamin-bluemchen)
(Quelle: abendgesellschaft)
(Quelle: zartcore, via theimpossibleheap)
Edle Künstler_innen MDCXLIX: Henri Rousseau – War, Or Discord on Horseback, 1894.
(via cavetocanvas)
(Quelle: edsminorplace)
Ich in der Krise meiner Kindheit XLVIII
Die eine Karte hab ich noch nicht gesehen
Einmal so ins Schreiben kommen, wie dieses Abziehbildchen hinter der Stirn, dass den Schreibenden auspinselt, unter Lampenschein und Rauchverzug – Seite für Seite, ganz versenkt. Oder ihn sprechen lässt, als könnte er kein Ende darin finden. Satz für Satz eine Logik ausbreitend, die die Verwirrung als unterbestimmte Daseinsform kennt, müde belächelt; denn dieser Faden, blutverschmiert mag es unken, ist auch für denjenigen erfühlbar, der ihn hört und verständig antwortet, oder aufgreifend, die beiden Fäden verbindend, so spiralig sich erhebend. So müsste es sein – das Schreiben.
Das Abziehbildchen hat ein eigen’ Leben. Es hat die Stirn immer schon verlassen. Der so schreiben will, ist immer schon ungeheuer aufgeblasen: Seine Stirn diffundierte, er ist nie so vereinzelt, wie er es erträumt, wenn er schreibt und nicht mehr aufhört. Denn vom Schreiben hält ihn anfänglich Äußeres ab: Es sind die kleinen Tabakkrumen auf seinem Schreibtisch, der bohrende Nachbar, die scheinbar hohlen Phrasen des Straßengesprächs, die Zimmertemperatur oder der Zustand der Kaffeekanne. Er ist stets vereinzelt in einer Vielheit des Sprechens, auch dem der Dinge.
Das Abziehbildchen ist stets ein Phantasma, in gewissem Sinne ein Ding. Es fühlt sich so an, als wäre es für einen Selbst ungeheuer geltend, als wäre es weniger ein Bild, als vielmehr eine Handlungsanweisung, gar ein Imperativ im weiteren Sinne. Dieser Imperativ hat aber Brüche: Er ist weder an den Vereinzelten gerichtet, noch ist der Vereinzelte ein solcher in ihm. Der Imperativ des “Du sollst schreiben” hat ein merkwürdiges Du, was angesprochen wird, und ein noch merkwürdigeres Ich, was diesen Satz spricht. Wie kann ich ihm nur so verpflichtet sein, dass er mich peinigt? Dass er selbst, wenn ich schreibe, immer wieder sich Geltung verschafft, indem er dies löschen lässt, was dort geschrieben stand, da ich nicht so schrieb, dass es sich schrieb? Diese Unbestimmtheit des Imperativs hätte dem Zweifel eine Ritze in ihm offerieren müssen. Er wäre dann kein wirklicher Imperativ gewesen (oder ein wirklicher in einer bestimmten Kant-Lektüre).
Und erst die Augen, die auf dem Geschriebenen ruhen, sind nicht das eine Augenpaar. Es sind auch keine bloßen Blicke. Es sind Augen der Wörter, die immer schon in unglaublich vielen Mündern waren, die sie nicht etwa aufluden mit etwas, sondern die erst in ihnen diese Münder »machten«. Sie hatten zu uns gesprochen. Sie hatten uns in einen Bilderreigen verstrickt, der nie bei dem einsamen Schreiber aufhört, der dort kauert, sich verbissen hat, verbissen wurde, wie aufgerissen, unfähig, weil er nur noch sich, den Lampenschein und die endlose Ansammlung von Kippen kannte. Dieser Bilderreigen war keine unfassbare Ansammlung, sondern die ganze Polyphonie einer Geschichte, in der es Fäden gab, die sich als Monologe behaupteten, und ganz vergessen hatten, dass sie schon zu jemanden gesprochen hatten, dass sie von etwas angesprochen wurden.
Der Imperativ ist eine stets defizitäre Form der Bestimmung des Selbstverhältnisses. Und die Schreibblockade auch.
Die Endlosigkeit der zu bearbeitenden Aufgaben verwirklicht sich zuerst in der Ohnmacht gegenüber jedem zweckvollen Handeln. Es scheint einfach unmöglich, etwas zu tun, was gelingen könnte. Gelingen bedeutet hier in erster Linie ein Beenden der Bearbeitung der Aufgaben. Das Gelingen ist aber mit dem Anfangen vermittelt, welches den Vollzug des Anfangens nicht als Möglichkeit, sondern als Wirklichkeit kennt. Die pure Entscheidung ist nur ein Moment des Vollzuges. Sie kann weder Anfang noch Ende des Vollzuges sein.
Dennoch ist sie wesentliches Moment der Ohnmacht, da die Entscheidung als dasjenige erscheint, was zuvörderst zu tun ist. Es muss etwa eine Zweck-Setzung getroffen werden, die zu realisieren ist. Dies ist eine Verdrängung nicht etwa der Möglichkeiten des Tuns, sondern sie ist eine Verdrängung der Wirklichkeit des Vollzuges.
Der Ohnmächtige reflektiert den Vollzug stets unterbestimmt. Er verbleibe im Denken, anstatt etwas zu tun, könnte eine Kritik des Ohnmächtigen sagen. Dies geht aber am Problem des Ohnmächtigen vorbei, denn sein Problem ist nicht die Praxis, deren Wirkmächtigkeit erkennt er als seine Ohnmacht an. Er ist nicht zu sehr in der Theorie, sondern er ist zu sehr an einer praktischen Theorie interessiert, die in erster Linie seine Ohnmacht aufheben soll.
Der Ohnmächtige weiß nämlich nicht, welches die angemessene Zwecksetzung ist, da er von einer bestimmten, richtigen Zwecksetzung ausgeht, die nur gelingen kann. Oder aber er weiß um die zu realisierende Zwecksetzung, aber kann sich in der Wahl seiner Mittel nicht wirklich entscheiden.
Kein Anfangen ist zu ergreifen, weil es zu viele mögliche Anfänge gibt. Ohnmacht ist das Denken der Wirklichkeit in Möglichkeiten, deren Gleichwertigkeit sich als deren Unmöglichkeit manifestiert. Sie ist eine schlecht-abstrakte Darstellung der Vergesellschaftung der Ohnmacht. Sie beschränkt sich nämlich auf ein bestimmtes Modell der Praxis, nicht etwa auf eines der Theorie. Der Ohnmächtige denkt zu sehr auf die Zwecksetzung oder die Mittelwahl fokussiert.
Der Gegenstand als praktisches wie theoretisches Problem ist der Ohnmacht nicht fremd. Entweder der Gegenstand wird als bloß praktisches Problem gedacht – dann ist er zu gewaltig, zu widerständig. Er lässt sich nicht richtig fassen, wird nebulös, wurde schon von zu vielen Menschen bearbeitet, wird nicht von der Darstellung des Ohnmächtigen getroffen. Der Ohnmächtige schreibt an ihm vorbei und muss dies immer wieder anerkennen. Oder die Erfahrung des Gegenstandes ist unmöglich. Der Ohnmächtige kann sich nicht auf den Gegenstand einlassen, weil er sich nicht auf ihn als bestimmten einlässt. Er tut irgendetwas, aber nichts, was wirklich mit dem Gegenstand zu tun hat. Dies kennt viele Formen: Irgendwelche Tätigkeiten, die plötzlich erledigt werden oder in denen sich verloren wird. Der Gegenstand ist ein bloß theoretischer Gegenstand geworden. Es gibt viele mögliche Gegenstände und irgendwie ist der bestimmte Gegenstand kein wirklicher Gegenstand der Lebensvollzüge des Ohnmächtigen.
Wenn es nun aber die Zwecksetzung des Ohnmächtigen ist, diesen Gegenstand zu bearbeiten, dann wird der Gegenstand stets wieder zu einem praktischen Problem werden. Er ist nicht nur ein möglicher Gegenstand, sondern seine Wirklichkeit ist auch in seiner Abwesenheit präsent (seiner Unmöglichkeit). Egal, was der Ohnmächtige auch mit anderen Gegenständen tut, es widerfährt ihm die Wirklichkeit des Gegenstandes als seine Abwesenheit im momentanen Vollzug. Der Gegenstand ist ob seiner Unwirklichkeit wirklich.
Wir könnten sagen, dass der Ohnmächtige also: 1. die Entscheidung fetischisiert, er denkt sich eben nicht wirklich als der Ohnmächtige. Er will im Vollzug als Ohnmächtiger aufgehen, will die wahre Zwecksetzung, die einzig richtige Mittelwahl und die vollständige Aufhebung seiner Ohnmächtigkeit. Er will das Mögliche als Unmögliches. 2. den Gegenstand nicht als Wirklichen begreift, da er den Vollzug als widerspruchslosen denkt, der einfach gelingt. Der Widerstand des Gegenstandes kommt nur als Scheitern des Gelingens in Betracht. Der Widerstand wird nicht als Notwendigmögliches begriffen, sondern er ist das Unmögliche als Mögliches.
Der Ohnmächtigen ist also nicht derjenige, der bloß ein theoretisches Problem hat, was sich einfach lösen würde, wenn er nur täte. Dies denkt er sich ja auch so, oder zumindest kommt dieses Argument seinen Formen sehr nahe.
Der Vollzug ist eben keine reine Entscheidung. Er ist auch immer ein Entschieden-Sein oder ein Entschieden-Werden. Dass Widerstände in diesem Vollzug erfahren werden, ist nicht bloß dem einen Gegenstand geschuldet, er ist stets mit anderen Gegenständen vermittelt. Indem sich der Ohnmächtige auf den einen Vollzug fixiert, kastriert er sich als der Mächtige, der er nicht sei: Der Ohnmächtige behauptet mit einer solchen Wirklichkeit seine Ohnmacht, dass er seine Behauptung nicht mehr als eine Behauptung begreifen kann.
Der Vollzug ist aber stets nicht nur eine theoretische Praxis. Selbst in ihr zeigt sich, dass Zwecksetzungen nie absolut sein können, dass Mittel nicht in einer bestimmten Zwecksetzung aufgehen, sondern eben auch etwas anderes als Momente der Realisierung von Zwecken sind, dass Gegenstände nicht in Zwecksetzungen aufgehen, sondern sich negativ verwirklichen, indem sie ein Scheitern als ein Moment ihrer Bestimmung anerkennen. Wir müssen dies so metaphorisch sagen, weil sie Wirkliche im Prozess des Scheiterns sind, weil sie bestimmbar bleiben, nie einfach Unbestimmbares sind.
Dies ist aber Annahme des Ohnmächtigen, dass er nicht anfangen könne. Er kann keine praktische Theorie mehr darstellen, denn sonst müsste er sich auch als derjenige begreifen, der scheitert, weil er dessen mächtig ist, weil dies notwendigmögliche Form der Praxis ist.
(Quelle: theimpossibleheap)
Anzustrebende Wohnorte XIII: Marginalisierte Lesekreise.
Die Rückkehr in den Studienort markiert immer ein Ereignis, was sich in Kreisen vollzieht. Es fängt irgendwo an, wo es fast immer anfing: In einem Zimmer, was mit Sitzgelegenheiten überfüllt war, was von Tischen bevölkert wurde, die voll waren. Asche, Flaschen, mit Asche und Filtern gefüllte Tassen oder Gläser, je wechselnd, da es beständig dämmerte. Es war vollkommen gleich, wo es anfing. Es fing dort an, wo eine anfing zu sprechen, wo es meist um irgendeinen Text ging, wo irgendein Text mitsprach. Er lag vor einem, war irgendwie erinnert präsent, berührte jemand anderes an der Stirn oder im Magen.
Im Sprechen über Texte verfeinerte sich die Inneneinrichtung. Es kamen Bücher hinzu. Ein Wettstreit um die pure Quantität von Buchleibern, die sich an den Wänden stapeln und in den Regalen reihen sollten. War dies nicht gegeben, wurde mit Anschaffungsbemühungen rationalisiert, es wurde auf die Kopienstapel verwiesen oder davon gesprochen, dass einem das Gespräch zur Stützung des Wissens oder Begreifens stets angemessener erschienen sei. Manche_r musste auch aussprechen, dass ihm oder ihr Theorie nie so wichtig gewesen sei, eher die bildende Kunst oder das Musikalische. Dann gab es Plattenreihen oder einen Gerhard Richter. Aber auch sonst bleibt das Mobiliar nicht von den Gegenständen des Gesprächs ausgeschlossen. Es wird anerkannt in seiner Farbkomposition, in der Schönheit der Weingläser oder in der Unabgestimmtheit von Küchenboden und Bestuhlung. Es war erwachsener geworden, es gab eine Sorge um den anderen, die nicht unbedingt in Ressentiment und Rancune untergehen musste. Aber durchwegs, gerade im Anfangen, aufkommen musste.
In manchen dieser Kreise fand man auch andere Aufarbeitungsstrategien oder Verdrängungsmaschinen: Es wurde der Rausch intensiviert oder die Gerichtetheit der Beleidigungen, so dass diese als kleine Partikel aufgenommen und verteilt wurden. Dies ist meist dort gegeben, wo es einen Hang zum gebundenen Sprechen gibt, einem Sprechen in bestimmten Versen. In solchen musikalischen Kreisen kann länger gerastet werden, weil sie auch dem Rausch nie abträglich sind. Meist sind dort die Gespräche systematischer, als in den Kreisen, die sich ausschließlich auf Texte verfestigt haben. Sie greifen punktuell ein, entfalten dies, solange der Beat anhält; sie verflüchtigen sich wieder, wo es in Feindmarkierungen gipfeln könnte und stiften einen faulen bis umstrittenen Frieden. Findet sich im textuellorientierten Lesekreis eine solche Verunreinigung ein, so kann diese immerhin mit neuen Referenzen überboten werden, die nicht einfach auf Metrik, Metaphorik und Korrespondenzverhältnisse zum Beat abzielen, sondern ein ungeteiltes Gemeinsames in den Raum überführen: Das Nicht-Wissen.
Freilich kann das Nicht-Wissen mit der Zahl der in einem Raum nicht befindlichen Bücher gleichgesetzt werden. In infantilen Lesekreisen wird dies an der Zahl der Bücher markiert, die in den Kanon gehören. Es werden erst immer die fünf oder zehn zentralen Werke in den Bücherregalen ausgemacht, dann kann in die Differenzierungen ausgebrochen werden, so dass sich auch dort Gemeinsamkeiten finden. Manchmal wird aber auch das Nicht-Wissen im Gespräch manifest, so dass es sich in unterschiedlichen Handlungen anerkannt weiß.
Triumphiert das Bornierte, der Verweis auf die Unbelesenheit oder die Lüge, dass dies doch alles sonnenklar sei, dann muss dieser Kreis verlassen werden. Schamesröte und Selbstkritiktribunale sind dieser freiwilligen Organisationsform unangemessen, wenn sie überhaupt je ihre Angemessenheit entfalten konnten. Bedingt durch die aufkommenden Hierarchisierungstendenzen in solchen Kreisen, wer denn nun das Erste ist, in welcher Hinsicht auch immer, die oder der kann nur zeitweise an dem Anfang stehen, da im Kreis stets alles gleich nah zum Mittelpunkt sein muss, so dass immer wieder Menschen aus diesem Kreis ausscheiden. Der Kreis ist auch eine Reinszenierung. Er wiederholt sich nicht nur jede Woche, außer in den Semesterferien, sondern er hat auch immer wieder dieselben Streits. Wechseln dann nicht die Hierarchisierungsmuster, dann ist er abgestorben, dann toben Grabenkämpfe. Solche Reinszenierungen verlangen andere Formen des Austausches oder des Dialogs, die nicht in Lesekreisen zu bewältigen sind. Die Gleichsetzung von Lesekreis und Selbsthilfegruppe kann inszestuöse bis triangulierte Formen hervortreiben, die meist sehr strapaziös verlaufen, sehr aufzehrend sind.
Das Wundersame in gewissen Zeiten in Marburg war, dass es stets so viele Lesekreise gab, dass einfach die Fluktuation des schönen Sprechens so groß war, dass es keinen sinnvollen Anfang oder ein unangemessenes Enden gegeben hätte: Sie lasen auch dann noch, als die Lichtquellen ihrer Erkenntnis schon längst abgestellt waren und der Kabelbruch jedes gebundene Sprechen unmöglich machte. Marburg war für eine Zeit, zwei Lesekreis. Immer mal wieder jenseits einer Wahrheit seienden Orthodoxie und einer repressiven Toleranz der Beliebigkeiten. Gut, dass sich so etwas reinszenieren lässt.
(via naipan)