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Wonnegrausen

Ich hätt' so gern ein Mozartzöpfchen und den Tausendtod in der Zitationsmasturbation...

Unterschätzte Sätze zur Bestimmung des Selbstverhältnisses III: In der Verantwortung wird so oft die Antwort vergessen.

Ich in der Krise meiner Kindheit XLVIII

Die eine Karte hab ich noch nicht gesehen

Einmal so ins Schreiben kommen, wie dieses Abziehbildchen hinter der Stirn, dass den Schreibenden auspinselt, unter Lampenschein und Rauchverzug – Seite für Seite, ganz versenkt. Oder ihn sprechen lässt, als könnte er kein Ende darin finden. Satz für Satz eine Logik ausbreitend, die die Verwirrung als unterbestimmte Daseinsform kennt, müde belächelt; denn dieser Faden, blutverschmiert mag es unken, ist auch für denjenigen erfühlbar, der ihn hört und verständig antwortet, oder aufgreifend, die beiden Fäden verbindend, so spiralig sich erhebend. So müsste es sein – das Schreiben. 

Das Abziehbildchen hat ein eigen’ Leben. Es hat die Stirn immer schon verlassen. Der so schreiben will, ist immer schon ungeheuer aufgeblasen: Seine Stirn diffundierte, er ist nie so vereinzelt, wie er es erträumt, wenn er schreibt und nicht mehr aufhört. Denn vom Schreiben hält ihn anfänglich Äußeres ab: Es sind die kleinen Tabakkrumen auf seinem Schreibtisch, der bohrende Nachbar, die scheinbar hohlen Phrasen des Straßengesprächs, die Zimmertemperatur oder der Zustand der Kaffeekanne. Er ist stets vereinzelt in einer Vielheit des Sprechens, auch dem der Dinge. 

Das Abziehbildchen ist stets ein Phantasma, in gewissem Sinne ein Ding. Es fühlt sich so an, als wäre es für einen Selbst ungeheuer geltend, als wäre es weniger ein Bild, als vielmehr eine Handlungsanweisung, gar ein Imperativ im weiteren Sinne. Dieser Imperativ hat aber Brüche: Er ist weder an den Vereinzelten gerichtet, noch ist der Vereinzelte ein solcher in ihm. Der Imperativ des “Du sollst schreiben” hat ein merkwürdiges Du, was angesprochen wird, und ein noch merkwürdigeres Ich, was diesen Satz spricht. Wie kann ich ihm nur so verpflichtet sein, dass er mich peinigt? Dass er selbst, wenn ich schreibe, immer wieder sich Geltung verschafft, indem er dies löschen lässt, was dort geschrieben stand, da ich nicht so schrieb, dass es sich schrieb? Diese Unbestimmtheit des Imperativs hätte dem Zweifel eine Ritze in ihm offerieren müssen. Er wäre dann kein wirklicher Imperativ gewesen (oder ein wirklicher in einer bestimmten Kant-Lektüre). 

Und erst die Augen, die auf dem Geschriebenen ruhen, sind nicht das eine Augenpaar. Es sind auch keine bloßen Blicke. Es sind Augen der Wörter, die immer schon in unglaublich vielen Mündern waren, die sie nicht etwa aufluden mit etwas, sondern die erst in ihnen diese Münder »machten«. Sie hatten zu uns gesprochen. Sie hatten uns in einen Bilderreigen verstrickt, der nie bei dem einsamen Schreiber aufhört, der dort kauert, sich verbissen hat, verbissen wurde, wie aufgerissen, unfähig, weil er nur noch sich, den Lampenschein und die endlose Ansammlung von Kippen kannte. Dieser Bilderreigen war keine unfassbare Ansammlung, sondern die ganze Polyphonie einer Geschichte, in der es Fäden gab, die sich als Monologe behaupteten, und ganz vergessen hatten, dass sie schon zu jemanden gesprochen hatten, dass sie von etwas angesprochen wurden. 

Der Imperativ ist eine stets defizitäre Form der Bestimmung des Selbstverhältnisses. Und die Schreibblockade auch.

Ich in der Krise meiner Kindheit XLVI:
Was soll der Grund dafür sein? Jetzt ist nichts geklärt, Deine Texte klingen wie von ihm. Wenn es nun dort unten steht? Es wird wohl so sein, dass Du Dich einmal wieder vergriffen hast, in der Wahl der Worte. Hiermit erkläre ich, aber ich will schon nicht mehr erklären, es ist nicht nur schlimm, sondern vorbei. Ja. So ist nicht mal meine Erklärung. Hiermit erkläre ich aber doch: Ich bin kein Exler. Damit ist die Erklärung getan. Ihre Schuhe hatte sie in der Wohnung vergessen. Es ist kompliziert. Hiermit erkläre ich: 1. Ich war, bin und werde kein Aktivist in der Liebe sein. 2. Ich bin nicht allein. 3. Ich weiß, worauf ich hoffen darf. 
Hier mit erkläre ich außerdem: 1. Mein Betragen war ungebührlich und ist inakzeptabel. 2. Ich bedauere den Vorgang, weiß aber um seine Unabänderlichkeit. In diesem Moment konnte ich nicht anders. 3. Ich kann nicht anders. 4. Nichts geschah aus Liebe. Ich bin enttäuscht von Dir. Daraufhin sagte sie lange etwas, was ich aber nicht verstand. Dann hörte sie damit auf. 
Jetzt bin ich allein. Der spieligen Schatten viele, der Verästelungen begeisterten mich aufregende Sekunden, während der Waschbeton erkältete. Ich lag schon längst wieder auf meinem Lehnsessel, während sie dort auf den Fliesen stand. Mein Bademantel war noch in der Reinigung. Aber es ist zu traurig. Sie war selbst keine Frau und ich nicht sonderlich engagiert. Wir hatten uns nur noch etwas über unseren Beziehungsstatus zu sagen. Mit Deinen Schwuchtelfreunden, sagte sie. Womit denn? Das wusste sie selbst nicht, meistens. Sie war oft betrunken, desolat und eben sie selbst. Ich hätte nicht reden können, ich war selbst so gewesen. Jetzt ist es anders. Vorbei.
Es bricht das Licht der Halogenlampe in den Kristallen auf dem Spiegel unter mir. Es wird alles klar, klarer, alles. Klar. Viel zu klar. Die Kristalle brechen das Licht der Halogenlampe über dem Spiegel unter mir. Ich habe Lichtakne. Ich kann meinen Urin nicht halten, Fotze. Haltung. Die Fotos von unserer letzten Party am Morgen, wo wir noch die Pille genommen haben, die erst im Taxi geknallt hat. Wie ging das eigentlich weiter? Overkill halt, ne, ein multitoxischer Abend und sein Enden. Als sie so vor mir stand, in ihrem verzerrten Antlitz. Und nicht zu schreien aufhörte. Ich starrte sie an. Und sie hörte nicht auf zu schreien. Ich redete auf sie ein und sie hörte nicht auf zu schreien. Ich schwieg. Und sie hörte nicht auf zu schreien. Ich ging. Sie war auf Pappe und brauchte Hilfe, zerschlug aber die Proseccoflasche an meinem Kopf. Ich habe ihr nicht geholfen.
Lichtakne. Die Kristallschatten auf dem Spiegel unter mir werden größer. Es liegt Staub auf dem Schreibtisch. Anders nicht im Sinne von besser, oder verbrauchter. Wir beide sahen Scheiße aus. Du bist so kompliziert.

Ich in der Krise meiner Kindheit XLVI:

Was soll der Grund dafür sein? Jetzt ist nichts geklärt, Deine Texte klingen wie von ihm. Wenn es nun dort unten steht? Es wird wohl so sein, dass Du Dich einmal wieder vergriffen hast, in der Wahl der Worte. Hiermit erkläre ich, aber ich will schon nicht mehr erklären, es ist nicht nur schlimm, sondern vorbei. Ja. So ist nicht mal meine Erklärung. Hiermit erkläre ich aber doch: Ich bin kein Exler. Damit ist die Erklärung getan. Ihre Schuhe hatte sie in der Wohnung vergessen. Es ist kompliziert. Hiermit erkläre ich: 1. Ich war, bin und werde kein Aktivist in der Liebe sein. 2. Ich bin nicht allein. 3. Ich weiß, worauf ich hoffen darf. 

Hier mit erkläre ich außerdem: 1. Mein Betragen war ungebührlich und ist inakzeptabel. 2. Ich bedauere den Vorgang, weiß aber um seine Unabänderlichkeit. In diesem Moment konnte ich nicht anders. 3. Ich kann nicht anders. 4. Nichts geschah aus Liebe. Ich bin enttäuscht von Dir. Daraufhin sagte sie lange etwas, was ich aber nicht verstand. Dann hörte sie damit auf. 

Jetzt bin ich allein. Der spieligen Schatten viele, der Verästelungen begeisterten mich aufregende Sekunden, während der Waschbeton erkältete. Ich lag schon längst wieder auf meinem Lehnsessel, während sie dort auf den Fliesen stand. Mein Bademantel war noch in der Reinigung. Aber es ist zu traurig. Sie war selbst keine Frau und ich nicht sonderlich engagiert. Wir hatten uns nur noch etwas über unseren Beziehungsstatus zu sagen. Mit Deinen Schwuchtelfreunden, sagte sie. Womit denn? Das wusste sie selbst nicht, meistens. Sie war oft betrunken, desolat und eben sie selbst. Ich hätte nicht reden können, ich war selbst so gewesen. Jetzt ist es anders. Vorbei.

Es bricht das Licht der Halogenlampe in den Kristallen auf dem Spiegel unter mir. Es wird alles klar, klarer, alles. Klar. Viel zu klar. Die Kristalle brechen das Licht der Halogenlampe über dem Spiegel unter mir. Ich habe Lichtakne. Ich kann meinen Urin nicht halten, Fotze. Haltung. Die Fotos von unserer letzten Party am Morgen, wo wir noch die Pille genommen haben, die erst im Taxi geknallt hat. Wie ging das eigentlich weiter? Overkill halt, ne, ein multitoxischer Abend und sein Enden. Als sie so vor mir stand, in ihrem verzerrten Antlitz. Und nicht zu schreien aufhörte. Ich starrte sie an. Und sie hörte nicht auf zu schreien. Ich redete auf sie ein und sie hörte nicht auf zu schreien. Ich schwieg. Und sie hörte nicht auf zu schreien. Ich ging. Sie war auf Pappe und brauchte Hilfe, zerschlug aber die Proseccoflasche an meinem Kopf. Ich habe ihr nicht geholfen.

Lichtakne. Die Kristallschatten auf dem Spiegel unter mir werden größer. Es liegt Staub auf dem Schreibtisch. Anders nicht im Sinne von besser, oder verbrauchter. Wir beide sahen Scheiße aus. Du bist so kompliziert.

(Quelle: analogset, via l-amour-a-trois)

Ich in der Krise der Kindheit XLIII: Rollen sich die Augen des Anderen nach unten oder gehen ins Leere, dann sag nie, dass alles schon gut wird: Es verschließt die Eiskiste und stellt sie zurück in die Tiefkühltruhe. Geh mit der Kelle hinein, Metall muss über Weiches gleiten, lass sie rollen und es zu jenem Ballen verdichten, der mit Freude des Schmelzens klimpert. Mehr kann nicht getan werden. Und dies als Empfehlung zu begreifen, was zu tun ist, entspricht schon den Erfrierungen der Trauer, die sich etwas erhoffen, was nie so sicher sich platziert weiß wie die Glückseligkeit des kommenden Nachtisches: Die Kristalle der Erfrierungen sind nicht zu verdauen, durch sie ist zu schauen. Wer Maximen zum Umgang mit der Trauer formulieren will, dessen Atem kommt aus Tiefkühltruhen, oder ihm schauen die Blütenblätter noch aus den Mundwinkeln. 

Ich in der Krise der Kindheit XLIII: Rollen sich die Augen des Anderen nach unten oder gehen ins Leere, dann sag nie, dass alles schon gut wird: Es verschließt die Eiskiste und stellt sie zurück in die Tiefkühltruhe. Geh mit der Kelle hinein, Metall muss über Weiches gleiten, lass sie rollen und es zu jenem Ballen verdichten, der mit Freude des Schmelzens klimpert. Mehr kann nicht getan werden. Und dies als Empfehlung zu begreifen, was zu tun ist, entspricht schon den Erfrierungen der Trauer, die sich etwas erhoffen, was nie so sicher sich platziert weiß wie die Glückseligkeit des kommenden Nachtisches: Die Kristalle der Erfrierungen sind nicht zu verdauen, durch sie ist zu schauen. Wer Maximen zum Umgang mit der Trauer formulieren will, dessen Atem kommt aus Tiefkühltruhen, oder ihm schauen die Blütenblätter noch aus den Mundwinkeln. 

(Quelle: saltybrain, via sigmundfreudanalyzethis)

Ich in der Krise meiner Kindheit MDCLXXXIII:  Eine derjenigen Szenen, die mich in endlose Verwirrungen stießen. Etwas jüngere Kinder waren auch dort gewesen, irgendwo dort, wo sich diese endlosen familiären Verstrickungen, Vertreffungen ereigneten. Diese Hände an Flaschen geballt, Kehliges, Gefotzel über das Gestell des Nachbarn, derber Braten, dampfend, Knorrfixkräutermischung, Hack, später, Krankheiten, das Erzählen leiblicher Gebrechen, endlos. Das Wohnzimmer stand leer. Während die Alkoholisierung Hände beim Abstransport auf Hintern klatschen ließ, wenn die nächste Ladung dort wieder in der Mitte des Tisches aufgestellt wurde, da, ja, da war eines: ein langes Aufbleiben. Entweder quälte man sich irgendwie gegenseitig, beschimpfte sich, weil man sich doch fremd war. Man sah sich alle drei Monate. Und diese Jungens waren viel kleiner. Und sie schienen mir unendlich dümmer. Und dann blitzte der Fernseher auf. Er hatte es einfach getan, ohne zu fragen, gut. Aber was ich da sah. Und sie lachte und sie lachten. Sie hatte ganz schnell ihre Bluse geöffnet. Drei. Und während sie lachten und ich mir nicht mehr sicher war, was da jetzt zu sagen, zu empfinden wäre, da träumte es mir in der Nacht: Ein endloser Schacht, weit emporragend, an der Spitze eine Öffnung, Licht fiel hindurch. An jeder Seite des Schachtes hingen wie ausgestellte Geweihe Brüste, jeweils ein Paar, tausende.

Ich in der Krise meiner Kindheit MDCLXXXIII:  Eine derjenigen Szenen, die mich in endlose Verwirrungen stießen. Etwas jüngere Kinder waren auch dort gewesen, irgendwo dort, wo sich diese endlosen familiären Verstrickungen, Vertreffungen ereigneten. Diese Hände an Flaschen geballt, Kehliges, Gefotzel über das Gestell des Nachbarn, derber Braten, dampfend, Knorrfixkräutermischung, Hack, später, Krankheiten, das Erzählen leiblicher Gebrechen, endlos. Das Wohnzimmer stand leer. Während die Alkoholisierung Hände beim Abstransport auf Hintern klatschen ließ, wenn die nächste Ladung dort wieder in der Mitte des Tisches aufgestellt wurde, da, ja, da war eines: ein langes Aufbleiben. Entweder quälte man sich irgendwie gegenseitig, beschimpfte sich, weil man sich doch fremd war. Man sah sich alle drei Monate. Und diese Jungens waren viel kleiner. Und sie schienen mir unendlich dümmer. Und dann blitzte der Fernseher auf. Er hatte es einfach getan, ohne zu fragen, gut. Aber was ich da sah. Und sie lachte und sie lachten. Sie hatte ganz schnell ihre Bluse geöffnet. Drei. Und während sie lachten und ich mir nicht mehr sicher war, was da jetzt zu sagen, zu empfinden wäre, da träumte es mir in der Nacht: Ein endloser Schacht, weit emporragend, an der Spitze eine Öffnung, Licht fiel hindurch. An jeder Seite des Schachtes hingen wie ausgestellte Geweihe Brüste, jeweils ein Paar, tausende.

(Quelle: p1ss, via study8)

Ich in der Krise meiner Kindheit MDCLXXXVIII: Gut, und so ungebrochen die Zeit, als dies noch einfach gesagt werden konnte. “Ich liebe es, zu lesen. Das Lesen liebt mich. Ich lebe im Lieben des Lesens auf. Ich entziehe mich meinem Gelebten im Lesen”, ich lese das Leben der Anderen, ich lebe im Leben der Anderen im Lesen. Durch das Geschrei hindurch der Blick in das Welten der Buchstaben. Und irgendwann wurde die Lektüre ähnlich ver-rückt, hart wie dieses Andere in dem, dass ich lebe. Und irgendwann wurde die Lektüre dann wieder dieser Flucht-, Suchtkorridor, der das Andern versprach, gar nicht damit aufhören mag. Ach, einmal noch so lesen, als gäbe es den letzten Ferientag.

Ich in der Krise meiner Kindheit MDCLXXXVIII: Gut, und so ungebrochen die Zeit, als dies noch einfach gesagt werden konnte. “Ich liebe es, zu lesen. Das Lesen liebt mich. Ich lebe im Lieben des Lesens auf. Ich entziehe mich meinem Gelebten im Lesen”, ich lese das Leben der Anderen, ich lebe im Leben der Anderen im Lesen. Durch das Geschrei hindurch der Blick in das Welten der Buchstaben. Und irgendwann wurde die Lektüre ähnlich ver-rückt, hart wie dieses Andere in dem, dass ich lebe. Und irgendwann wurde die Lektüre dann wieder dieser Flucht-, Suchtkorridor, der das Andern versprach, gar nicht damit aufhören mag. Ach, einmal noch so lesen, als gäbe es den letzten Ferientag.

(via brainexpectingrain)

Ich in der Krise meiner Kindheit XLVII: Bei solchen Bildern wird’s mir warm. So warm. Wie sie schreiten, wie der Kehlsack rötlich illuminieret, der Hals sich reckend, so zum Handknuss abgeknickt die Klauen, so dass es immer wieder eingeschrieben, dass da nichts ausstarb, noch durch Meteore vernichtet. Nur unendlich traurig, dass die Kralle keine Sichel mehr formen mag. Und wer kann noch Millionen Jahre des Wartens der Kontingenz überlassen? Auf das sich Blut in Bernstein findet!

Ich in der Krise meiner Kindheit XLVII: Bei solchen Bildern wird’s mir warm. So warm. Wie sie schreiten, wie der Kehlsack rötlich illuminieret, der Hals sich reckend, so zum Handknuss abgeknickt die Klauen, so dass es immer wieder eingeschrieben, dass da nichts ausstarb, noch durch Meteore vernichtet. Nur unendlich traurig, dass die Kralle keine Sichel mehr formen mag. Und wer kann noch Millionen Jahre des Wartens der Kontingenz überlassen? Auf das sich Blut in Bernstein findet!

(via sandman-kk)

Ich in der Krise meiner Kindheit MDCLXIII: Es sticht ins Augenlicht, es sticht in Haut, es der kleine Leib, fast halbverdaut.

Ich in der Krise meiner Kindheit MDCLXIII: Es sticht ins Augenlicht, es sticht in Haut, es der kleine Leib, fast halbverdaut.

(via suspiria)

Ich in der Krise meiner Kindheit XLI: Die Elektrofikke.

Die gespannten Stränge unter Deinem ausrasierten Nacken, das langsam sich ausdünnende Rouge über Deinem Jochbein, der so fein gezogene Cajal, die Angestammtheit Deiner Choreographie, diese spitz ansetzenden Schühchen, denen die Zeit die Länge genommen hat, die Bestimmungen, die immer schon enteilen, weil Dein Leib, den die Mode streng geteilt, sich immer wieder aufrichtet in den Festheiten Deiner Körperteile, den rasierten, endlich offenliegenden Schamlippen der Mädchenschaft, der Aktualität deines wallend geschwungenen Rocksaums oder dem Pullover, der das Kleidchen von den Markierungen der Weiblichkeit befreit hat, den geschlossenen Augen in der Drehung, als könntest Du nur für Dich tanzen, als bestünde die eine Kette, die um Dich hängt, nur aus dem flüchtigen Griff in die Flohmarktkiste, als hätten nicht die Jahre der Belagerung den Griff sicher und bestimmt gemacht. Und Deine Rede davon, die gehetzte, die die Feindin daran erkennt, dass sie von der Mode überstreng geteilt, in flackernden Bildern nur durch die Räume pulst, während Du Dich gefunden hast in all den Flicken und den abgestellten Ortschaften Deiner Kleiderschranklandschaften.

Aber, nein, in die Lästerung willst Du nicht abgleiten, dies tun doch nur Deine Blicke, aber Deine Rede, nein, nur ins Ohr der Freundin (hast Du sie je gefunden?) leicht gehaucht – gar nichts weiter, nur ein Anflug von Trunkenheit. Die bestimmte Feindschaft, die ist den anderen, denn Deine Singularität hat längst die Stroboskopschläuche und Toilettengänge zum Gang der letzten Leidenschaften verallgemeinert. Dort, wo Du Dein Haar über die Schultern schlägst, kurz das Pony wieder gerade ziehst, Deine Taschen befingerst, fast lästig abgeneigt, Deine Tastenauswahl traktierst. Die Mode, ach, die Mode. Dir doch nichts Bestimmendes, keineswegs, ein so Angelegtes, eine so gestrickte Angelegenheit, dass sie weit bis zu Deinen Leggins- oder Strumpfbeinen flattert, da sie so bedacht wechselt, dass sie nicht bedacht werden muss. Klarheit. Einfachheit. Zeitlosigkeit. Du bist der Ausweis der Aktualität, den Du als das Ewigwährende gipfeln lässt. Nein, schwimmst gegen Ströme, weil es sich so schön treiben lässt.

Die Nachtgefalteten, die immer wieder gegen Scheiben klatschen. Und manchmal ist es ein gesondertes Mal: Ihre erst transparente, dann gelbliche Flüssigkeit hat sich mit der Glühbirne vermählt und die Hitze hat sie verschmolzen: Erstarrt sich recken im Sterben. Wie jeder dieser kleinen Momente auf der Tanzfläche, nicht wenn die Maske verrutscht, abfällt oder gar nicht mehr zu unterscheiden ist. Deine Maskerade zu beschimpfen, das wäre eine ungeheure Dummheit, die Dir Selbstverachtung entgegen schleuderte. Nein, dieser kleine Moment, wenn Du endlich den kleinen Tod spürst, der gar nicht der Deine ist, aber den Farben Deines Lächelns und Deiner Leere gilt. Ohne Deine hassliche Schönheit wüsste die Menschheit wenig von der Historizität. Lass die Anderen Dich Hure, Schlampe, Flittchen, Modepüppchen, Androgyne, Bubbikopf, Vamp oder Biedermeierwalküre schimpfen, an Dir, nur an Dir, ist dem Stumpfsein ein Enden gesetzt. Von dem die Stümpfe nur träumen.

Ich in der Krise meiner Kindheit MDCLXII: Er hielt mit seiner Hand ein imaginiertes Rohr und rieb es hoch und beständig. Er bewegte seine Hüfte schnell, impulsiv als ein anderes Geschlecht nah an ihm vorbeiging. Mit ihm in einem Raum zu verbleiben, schien mir schwierig. Dann setzten sich alle in einen Kreis. Jede, jeder durfte eine Frage formulieren. Er kam jäh in die Mitte, nachdem ich seinen Namen schon zu häufig erwähnt hatte. Er stand dort, überlegte kurz. Er schaute mich an. “Warum sind Sie so schwul?” Ekel durchfuhr mich, nicht weil dort etwas offengelegt werden, was im Dunkel bleiben sollte, sondern weil das Phobische auf seinen Lippen zuckte, die Erniedrigung den Vollzug begehrte. Mein um sich schlagendes Nein, mein strafendes “Hast Du etwa ein Problem damit” explodierte in fünfzehn entsetzt blickenden Augenpaaren. Abrupt herrschte Schweigen. Betretenheit. Endlich sagte ein Mädchen: “Aber er hat doch nur gefragt, warum Sie so schön sind.” Wie sollte ich das denn gehört haben?

Ganz kurz nur, erinnern.

Wie es ist, wenn ich gehe. Wie es war. Irgendwann dachte ich, dass ich dort hätte austrocknen wollen, wie dieser Einsiedlerkrebs, den ich im Hotelzimmer entdeckte.

Tauchend hatte ich Muscheln gefunden. Die ich auf dem Grund, ganz leicht, fand, von den Wellen bezärtelt, die Öffnungen so in sich gekehrt, wie kleine vaginale Verspielungen, die noch im Unbekannten treuten. Ich nahm sie heraus. Er kam mit. Brachte sie in mein Zimmer. Als ich den nächsten Morgen aufstand, ich teilte zum ersten Male das Zimmer mit einem Freund, da lag er dort. Die Scheren sehnsüchtig reckend, wie flehend, eingefallen die Stile der Augen, leicht dünstend das Salzige, das Fischigstickige. Nie habe ich mir mehr den Tod gewünscht, als in diesem Moment. »Aber es gibt doch noch tausend andere Einsiedlerkrebse, das ist doch gar nich so schlimm«. Gerade dies ließ die Krämpfe an den Augenrändern reißen, weil nichts mehr nachkommen wollte, weil es trocknete, weil es brandte.

Als Letzter in Marbchen bleiben. Kopfsteinpflasterschwer. Jeden Tag die Allee hochstreifen, die ich selten betrat, die Pferdetränke atmen, einmal den Abend die Gläser dort, auf den Terassen, im Sprechen den Anderen so verlieren, als wäre er doch so anwesend in seiner Abwesenheit, wie ich dort mich erblickte in umgreifender Entfremdung, so als wäre meine Stimme nicht länger mehr die meine, sondern spräche ich in Deinen Augen, einmal wieder, auf diesem Betonsteg vor den quappenden Wassern, nochmal Steine dort hinwerfen, wo die Worte nicht länger einschlagen wollten, kein Wort in den Spiegeln kreisend ziehen wollte, einmal noch die dampfende Ampelanlage, als der Bierdunst und die Scherbe aus ihr quoll, oder Mäusenester hinter Küchenschränken, Dein Lachen, dass mich in die angstbeleckte Blöße zog, dass ich hätte schreien können unter Kastanien, einmal dort noch das Knirschen Deiner Füße auf Blech, das gehetzte, glücksverlorene Sprinten und die Einkehr in die gülden dämmernde Bäckerei, als alles doch noch wach war, einmal dort noch mit Dir reden, als die Hypochondrie Dich auf die Bänke fällte, als Tränen alles zerstickten, was mich in das ruhelose Flanieren trieb, als Du meine Schritte verraten hast, Dich umgewendet hast, sagtest, dass Du Dich melden wolltest, aber es alles zu nah an Dir schlug, als wir uns zerschmetterten ob einer Silbe, eines Präfix, einer Wendung, die nicht die Deine sein wollte, was endlose Stürze, leere, des Verzeihens nach sich zog, als Du dort gesehen hast, eingerahmt von Monstera und Quader, rauchlos, Arroganz machte das Sperrholz glänzend, weil Licht auf Deine Füße fiel, weil Du mich nun dort hattest, wo ich zappelte, einmal noch dort liegen, Deine rote Decke, Sternzeichnungen, so verlierend nur in den Zügen auf diesen Schachbrettern vergifteter Erzählungen, einmal noch die Beckenwand einschlagen, in großen Stößen, Du dort, als ich es nicht länger konnte, nur den Schlag mit Dir, nie gewappnet der Schlünder der Reue, als Du trankst, trankst und getrunken warst, als Du es sagtest, als längst die zweite Nacht hinfort gesprungen war, als Du fragtest, ob der Lacan schon gelesen sei und ich in Nacktheit zum ersten Mal verneinen konnte, ohne dass der Klos, dieser elend große, alles unmöglich machte, die Vergiftung ausblieb, weil die Wunde durch uns ging, einmal bitte die Mantis religiosa auf Deinem Armrücken, so grazil, so ringend Deine Luft, einmal so bitte, lies mir Dein Lyrisches vor, was vermutlich im endlosen Aufschub des Ausredens nachtfaltergleich Staub um Staub seine Schönheit gewinnt, im endlosen Darübersprechen, dass dort etwas zwischen uns gebrochen ist, sich verloren hat, einmal noch Deinen Kaffeefleckspuren folgen, so als könnte ich den Spott und Verachtung diesmal herunterschlucken und Du nicht in der Trotzigkeit verbleiben, einmal noch bei ihr liegen, als Worte so wirklich, dass sie übergebraten wurden und ich schlagartig sie durch die Bilderreigen sah, als Deine Arme durch die Luft surrten, wir uns verloren haben in den Stimmen über den Bässen unserer Schädeldecken, als sie klingelten, irgendwann im Morgen und Du in das Bad geflüchtet bist und ich den schreienden Halbaffen abwehren musste, der unsere Dialoge immer ins Flüstern zwang, einmal doch von Deinen Selbsterzählungen an die Wand gedrückt werden, die Polster wie Bretter, Du im rauschend Dich verlieren, in dieser Panik, dieser Starrheit die Sätze schleudernd, die ich kaum vernehmen konnte, aber doch einmal noch mit Dir schweigen, magst Du nicht zu mir kommen und wir schweigen wieder, Woche um Woche, und wir lesen, Woche und Woche, und irgendwann verlässt einer das Haus und holt Fertigsushi und wir schweigen wieder, lachen kurz verstört, Du drehst Zigaretten, und wir schweigen wieder Woche um Woche? Ja, lass das Kommen. Lass es kommen. Es wird ja Zeit, wenn es Zeit wird. So Zeit, dass ich zurückfahre, einmal noch, ach, lass dieses Einmal in die Schleife. Nicht in die, die der Tod sein mag. Kein Einsiedlerkrebs ist dort gestorben, aber manchmal, wenn ich sein Gehäuse an mein Ort halte, dann höre ich dieses Rauschen.

Ich in der Krise meiner Kindheit MDCLXVIII: Die Detonation, ob auf der Nase, der Wange, dem Zwergfell, der Schulter, abrutschend vom Rücken mit Faust, leicht den Hinterkopf schreifend, so dass es an den Haarwurzel schnitt, stark riss. Der Schädel wurde nach hinten geworfen, so dass starke Schmerzen den Nacken, vor allem diese an beiden Seiten verlaufenden, etwas stärkeren Muskeln ergriffen. Durch die Nase pfiff ein leichter Zug, etwas cinemaesk, fast künstlich in der Erzählung wirkend, aber indem der Mund irgendwie aufgerissen wurde und zuschlug - die Zähne. Das Knirschen, dieser reißende Schmerz an den Zahnwurzeln. Vielleicht war noch Blut auf der Zunge, weil sie von den Schneidezähnen leicht gequetscht wurde. Oder ein Stück der Backe wurde von den Molaren aufgerissen.
Empfindlich diese Molaren. Krankheiten können die Molaren befallen, die den Schmerz irgendwo im vorderen Gehirnlappen explodieren lassen, wie das Zerstechen einer Gametenzelle unter dem Mikroskop, wenn die Skalpellspitze noch die Zellwand emporzieht, weil es so weich und wässrig ist - wie das Nervengewebe in den Molaren, dieses so gelblich Wirkende auf den Tafeln der Zahnärzte. “Folterknechte” meiner Eltern, die meine Zahnkrankheit abstoßend oder zumindest widerlich fanden, die einfach nur beständig fragten: »Hast Du Dir auch richtig die Zähne geputzt? Deine Zähne werden immer gelber«. 
Mein apathisch grinsender Vater konnte dies so oft wiederholen, dass mir die Reflexionen zur Unendlichkeit und des Absoluten, der absoluten Detonation (der logischen Form nach) aufgezwungen werden konnten. Wurde mir das sechste Mal bescheinigt, dass ich eine Ausgeburt der Hässlichkeit gewesen sein sollte (Missgeburt mag da immer mitschwingen), dann wollte ich Detonationen auf seinen Hoden verursachen, so dass er sich am Boden vor Schmerzen krümmte. Tatsächlich gelang das mir zwei Mal. Dies waren triumphale Siege, die leider nur Pyrrhuss gewidmet waren. Meine Mutter lachte dann kurzhals auf, unterdrückte es dann mit davor gehaltener Hand, kippte leicht nach hinten auf die Couch, so dass Ich-Zwerg ihren Arsch sehen konnte. 
Inzestuöses, Vaginales, Phallisches, Klitorales, Schmerzhaftes, Kastriertes, in die Eier Getretenes gibt es beständig als notwendigmögliche Gegenstände der Rekonstruktion der eigenen Schmerzen, der Unmittelbarkeit des Schmerzes, seiner Leiblichkeit, und vor allem: seiner Sprachlichkeit. Nicht allein das Geschlagenwerden verbreitete Schmerzen, das vor wutschäumende Schweigen, dies war die Detonation des Schmerzes: Erst dann glimmten die Wunden auf, ob vom Gürtel, dem Teppichklopfer, dem Kochlöffel, der Faust, der Hand, der Spucke.
Wer von Zivilisation als Inversion des Opfers redet, der setzt eine Natur, einen Mythos gegen die Aufklärung, die Menschheit. Bis zu einem gewissen Punkt ist das sicher angemessen. Aber wer diese Dichotomien wagt, wer irgendwie die innere Natur, ein ungebrochenes Selbst, ein unentfremdetes Inneres gegen dieses vermeintlich Äußere dieses Zwanges, diese Schmerzen setzt, wer die Mimesis als das unverstellte Sich-Anschmiegen denken will, als die Aufhebung der instrumentellen, der manipulierenden, fremden Vernunft, der landet bei der Aporie, die sich am unmittelbaren, individuellen Leid auftut. Beim Schmerz. Er ist kein Einbruch, er ist keine Repression, er ist auch Anderes.
Den Schlag meines Vaters mit dem Tritt in die Eier, die sich zerfleischenden Deinonychi als Darstellung der Rache an den kopulierenden Eltern zu denken, die Gewalt des Augenblicks mit der Unendlichkeit der eigenen Vergangenheit, mit der Unendlichkeit des Vergessens, des Wartens, des Schmerzes, des Orgasmuses zu denken, dies alles kann nur nachträglich geschehen. Wer so etwas denken will, wer so etwas begreifen will, wie etwa den schlagenden, schwachen Vater, die begehrlich tobende Mutter, wie das Loch, welches Sexualität in der Wahrheit macht,  der kann weder behaupten, dass die Mimesis als versöhnte Vernunft konstelliert werden kann (also als das radikal Andere der instrumentellen Vernunft), noch kann er behaupten, dass das individuelle Leid das wirklich Besondere, das Nicht-Identische ist. Wer Mimesis denken will, den Schmerz, der kommt ohne Sprache nicht weit. Wer das Nicht-Identische, die Detonation des Schmerzes mit einem wagnerianischen Pathos als Grund allen (individuellen) Denkens ausweist, der ist, der unterbietet das Grauen bei Weitem, was Adorno in seinem Nicht-Begrifflichen durch das Begriffliche aufzuheben versucht (und dies macht etwas explizit, was implizit uns widerfährt).
Der Schlag, den mein Vater ausführte, der hatte etwas Unübersetzbares. Aber nicht dass ich diesen Schlag bekommen hätte. Er bleibt vielleicht unendlich aufgeschoben. Er wird nie klar, ist immer an seinen Rändern verwackelt, gerissen, wie das Reißen auf den Wangen, dass zu seinem Grund den Schlag hatte. Der Schlag hat mich angesprochen. Er war zum einen die Detonation auf der Haut, ein Durchzucken, was mich unendlich durchlief, was mir seine Ähnlichkeit zu einer vorgestellten Männlichkeit verdeutlichte, die wohl darin bestand, dass er fickte und ich nicht. Weil er wusste, was sein Glied war, wie es zu gebrauchen war, wie »man« Lust an ihm empfinden konnte. Aber dies geschah in Sprache. Es war noch viel polymorph-perverser, als ich es hätte in diesem Moment denken können. 
Erst als ich darüber sprach, als ich darüber schrieb, wurde es mir klarer, aber niemals stand es in Klarheit vor mir, niemals hätte ich dies ohne meine Erzählung denken können. Dies macht die Erzählung zu einer wirklichen Erzählung, zu einer notwendigen Erzählung. Dies ist etwas anderes als eine beliebige Erzählung, aber enträt ihr nicht ganz.
Jede Erzählung sollte verstören. Jede Erzählung sollte deutlich machen, dass hier ein individueller Lebensvollzug dargestellt wird, der etwas ganz anderes ist als ein Schema oder eine Idee (wo sie ein Schema ist, geht sie bloß in theoretischen Sätzen auf, ist hart geworden, ist Exemplar einer Gattung). Ein individueller Lebensvollzug kann gar nicht ohne Sprache sein (Mimesis ist nie ein bloß Vorsprachliches), kann nie ohne das Sprechen mit den Anderen sein. Er ist immer nur im Verhältnis zu anderen Lebensvollzügen, meist individuellen, höchstwahrscheinlich anderen. 
Eine Erzählung über solche Mischungen kann epigonenhaft sein. Dies ist es meistens. Erzählungen über Detonationen wollen meistens an Gräbern rühren, an ganz aufdringlichen Bildern. Sie sind noch ganz schwanger davon, dass sie an den Eutern der Weisheit saugen durften, vermeintlich ein Sprechen darüber gefunden haben. Ihnen läuft noch die schwarz-sch(m)erzhafte Milch der Frühe an den Wangen herunter, die eben noch geschlagen wurden, wurde. 
Die Erzählung von »neudeutsch«: ›Opfern‹. Etwas, was vorgaukelt, ein authentischer Bericht zu sein, die Erzählung eines Postkommilitonen, der gar nicht sonderlich erquickt ist von seinem neuen Status (der Abwesenheit der in diese Sprache übersetzten Waffengefährten, wie mir erzählt wurde), der irgendwie nur so vor sich herschreiben kann. Dem aber der Zwang zur anderen Tätigkeit, Lohnarbeit einen Zwang vor Augen führt, der je und je schon erwachsen ist. Das Phantasma des Geschlagen-Werdens kehrt dort wieder. Es hält von der Tätigkeit ab, macht sie zu Unmöglichkeiten, da sie schlaghaft ins Leben tritt, dieses Schlaghafte aber auch wirklich werden soll, ein strikt perverses Begehren. Erst mit der Ent-Täuschung der Anderen kann geschlagen werden, kann »man« geschlagen werden. Wohin also flüchten? In die Tinten, die Buchstaben, weil er oder ich in die Imagination gezwungen ist, »einmal nochmal so schreiben wie im 19. Jahrhundert, richtig mit Schachtelsätzen und den Ideen aus dem Proseminar, so leicht gefärbt mit Kaffeevariationen, Apple-PCs, einer immer weitläufiger werdenden Wohnung, ohne linke Konventionen, aber immer noch mit einem aufdringlichen Selbstanspruch zur post-post-pubertären Schaumschlägerei, zum Exhibitionismus der Abschlussarbeit, und auch davon unterschieden: dem Dialog über die eigenen Verwerfungen, die das Bild des Intellektuellen in den Aufschub zwingen, es zum Un-wirklichen werden lassen, was sich nur im Anerkennen des Scheiterns, im Abbruch des opus magnum verwirklichen lässt, in kleinsten Schritten. Und dennoch muss es entgleiten«.
Wer so etwas denkt - schön und gut. Die Pose ist ja sicherlich sinnvoll, sie trifft auch etwas. Es wirkt antiquiert so zu schreiben, altväterlich. Es hat etwas von vergangenen Zeiten, es gebricht an Aktualität, wirkt wie die endlosen Teppiche des Proggrock und ganz anderen Detonationen, Denotationen: schlechter Geschmack, schlechter Stil. Aber indem ich das schreibe, wird mir der Schlag deutlicher. Das heißt jetzt nicht, dass ich das begriffen hätte, dass dies nie wieder vorkommen wird. 
Nein, ich kann geschlagen werden, und sei es vom Besoffenen in der U-Bahn, dem Blick der Enttäuschten, dem Blick des Versprechengebrochenen, aber dieser eine Schlag, der ist notwendig mit unendlich viel aufgeladen (der Schlag hat nicht etwas Heiles, Ganzes ist aufgestört, gebrochen). Selbst dieser eine Schlag kann Trauer bedeuten, kann Kränkungen aufreißen, die verdrängt waren. Nicht der Schlag ist das Widerliche, dieses Unmittelbare, dieses Plötzliche, sondern diese abwesende Anwesenheit der Gewalt, die also schon immer irgendwie dagewesen, die gleichursprünglich zur Gewaltlosigkeit sein muss, zum Dialog, zum Miteinanderteilen. Es ist beides notwendig möglich. Aber dies kann nur bedeuten, dass trotz all der Lächerlichkeit und Peinlichkeit dieses Schreibens, ich es nur nicht-begreifen kann, wenn ich es begreife. Es ist nur negativ bestimmt. Und hier bekommt das Negative eine schräge Konnotation: Dieses Negative macht das Glück erst möglich, unterscheidet es notwendig vom Monolog, dem Schweigen, dem Ruf (zur Ordnung des Daseins), der Verschiedenheit von Freund und Feind. Sonst unterliegt das Negative der Verdrängung. Es soll aber Darstellung finden, denn seine Polyphonie ist das Schreien der Angst und erst in dieser Entfremdetheit, in all seiner Lächerlichkeit wird es erst wirklich durch das Lesen im Schreiben.
Der Schmerz ist kein Erstes, noch der Schlag, das Innere noch das Äußere. Erst im Geschlagen-Werden wird das Andere von ihm geschieden, erst in der Kränkung blitzt das Andere als Mögliches und Unmögliches (d.h. in seiner Allgegenwart) auf. Wer sie in Schweigen hüllt, wer sie in die Kühle der reinen, theoretischen Sätze zwingt, der vergisst, der wartet auf die Verwirklichung des Schlages immer noch.
Mag sein, dass deswegen Adorno zu einer Vaterfigur wurde und intuitiv das Gewalttätige der Heidegger’schen Philosophie borniert abgelehnt wurde. Das könnte richtig sein, es bleibt aber auch notwendig möglich dem Missverstehen ausgesetzt (nevver:Eat My Dust).

Ich in der Krise meiner Kindheit MDCLXVIII: Die Detonation, ob auf der Nase, der Wange, dem Zwergfell, der Schulter, abrutschend vom Rücken mit Faust, leicht den Hinterkopf schreifend, so dass es an den Haarwurzel schnitt, stark riss. Der Schädel wurde nach hinten geworfen, so dass starke Schmerzen den Nacken, vor allem diese an beiden Seiten verlaufenden, etwas stärkeren Muskeln ergriffen. Durch die Nase pfiff ein leichter Zug, etwas cinemaesk, fast künstlich in der Erzählung wirkend, aber indem der Mund irgendwie aufgerissen wurde und zuschlug - die Zähne. Das Knirschen, dieser reißende Schmerz an den Zahnwurzeln. Vielleicht war noch Blut auf der Zunge, weil sie von den Schneidezähnen leicht gequetscht wurde. Oder ein Stück der Backe wurde von den Molaren aufgerissen.

Empfindlich diese Molaren. Krankheiten können die Molaren befallen, die den Schmerz irgendwo im vorderen Gehirnlappen explodieren lassen, wie das Zerstechen einer Gametenzelle unter dem Mikroskop, wenn die Skalpellspitze noch die Zellwand emporzieht, weil es so weich und wässrig ist - wie das Nervengewebe in den Molaren, dieses so gelblich Wirkende auf den Tafeln der Zahnärzte. “Folterknechte” meiner Eltern, die meine Zahnkrankheit abstoßend oder zumindest widerlich fanden, die einfach nur beständig fragten: »Hast Du Dir auch richtig die Zähne geputzt? Deine Zähne werden immer gelber«. 

Mein apathisch grinsender Vater konnte dies so oft wiederholen, dass mir die Reflexionen zur Unendlichkeit und des Absoluten, der absoluten Detonation (der logischen Form nach) aufgezwungen werden konnten. Wurde mir das sechste Mal bescheinigt, dass ich eine Ausgeburt der Hässlichkeit gewesen sein sollte (Missgeburt mag da immer mitschwingen), dann wollte ich Detonationen auf seinen Hoden verursachen, so dass er sich am Boden vor Schmerzen krümmte. Tatsächlich gelang das mir zwei Mal. Dies waren triumphale Siege, die leider nur Pyrrhuss gewidmet waren. Meine Mutter lachte dann kurzhals auf, unterdrückte es dann mit davor gehaltener Hand, kippte leicht nach hinten auf die Couch, so dass Ich-Zwerg ihren Arsch sehen konnte. 

Inzestuöses, Vaginales, Phallisches, Klitorales, Schmerzhaftes, Kastriertes, in die Eier Getretenes gibt es beständig als notwendigmögliche Gegenstände der Rekonstruktion der eigenen Schmerzen, der Unmittelbarkeit des Schmerzes, seiner Leiblichkeit, und vor allem: seiner Sprachlichkeit. Nicht allein das Geschlagenwerden verbreitete Schmerzen, das vor wutschäumende Schweigen, dies war die Detonation des Schmerzes: Erst dann glimmten die Wunden auf, ob vom Gürtel, dem Teppichklopfer, dem Kochlöffel, der Faust, der Hand, der Spucke.

Wer von Zivilisation als Inversion des Opfers redet, der setzt eine Natur, einen Mythos gegen die Aufklärung, die Menschheit. Bis zu einem gewissen Punkt ist das sicher angemessen. Aber wer diese Dichotomien wagt, wer irgendwie die innere Natur, ein ungebrochenes Selbst, ein unentfremdetes Inneres gegen dieses vermeintlich Äußere dieses Zwanges, diese Schmerzen setzt, wer die Mimesis als das unverstellte Sich-Anschmiegen denken will, als die Aufhebung der instrumentellen, der manipulierenden, fremden Vernunft, der landet bei der Aporie, die sich am unmittelbaren, individuellen Leid auftut. Beim Schmerz. Er ist kein Einbruch, er ist keine Repression, er ist auch Anderes.

Den Schlag meines Vaters mit dem Tritt in die Eier, die sich zerfleischenden Deinonychi als Darstellung der Rache an den kopulierenden Eltern zu denken, die Gewalt des Augenblicks mit der Unendlichkeit der eigenen Vergangenheit, mit der Unendlichkeit des Vergessens, des Wartens, des Schmerzes, des Orgasmuses zu denken, dies alles kann nur nachträglich geschehen. Wer so etwas denken will, wer so etwas begreifen will, wie etwa den schlagenden, schwachen Vater, die begehrlich tobende Mutter, wie das Loch, welches Sexualität in der Wahrheit macht,  der kann weder behaupten, dass die Mimesis als versöhnte Vernunft konstelliert werden kann (also als das radikal Andere der instrumentellen Vernunft), noch kann er behaupten, dass das individuelle Leid das wirklich Besondere, das Nicht-Identische ist. Wer Mimesis denken will, den Schmerz, der kommt ohne Sprache nicht weit. Wer das Nicht-Identische, die Detonation des Schmerzes mit einem wagnerianischen Pathos als Grund allen (individuellen) Denkens ausweist, der ist, der unterbietet das Grauen bei Weitem, was Adorno in seinem Nicht-Begrifflichen durch das Begriffliche aufzuheben versucht (und dies macht etwas explizit, was implizit uns widerfährt).

Der Schlag, den mein Vater ausführte, der hatte etwas Unübersetzbares. Aber nicht dass ich diesen Schlag bekommen hätte. Er bleibt vielleicht unendlich aufgeschoben. Er wird nie klar, ist immer an seinen Rändern verwackelt, gerissen, wie das Reißen auf den Wangen, dass zu seinem Grund den Schlag hatte. Der Schlag hat mich angesprochen. Er war zum einen die Detonation auf der Haut, ein Durchzucken, was mich unendlich durchlief, was mir seine Ähnlichkeit zu einer vorgestellten Männlichkeit verdeutlichte, die wohl darin bestand, dass er fickte und ich nicht. Weil er wusste, was sein Glied war, wie es zu gebrauchen war, wie »man« Lust an ihm empfinden konnte. Aber dies geschah in Sprache. Es war noch viel polymorph-perverser, als ich es hätte in diesem Moment denken können.

Erst als ich darüber sprach, als ich darüber schrieb, wurde es mir klarer, aber niemals stand es in Klarheit vor mir, niemals hätte ich dies ohne meine Erzählung denken können. Dies macht die Erzählung zu einer wirklichen Erzählung, zu einer notwendigen Erzählung. Dies ist etwas anderes als eine beliebige Erzählung, aber enträt ihr nicht ganz.

Jede Erzählung sollte verstören. Jede Erzählung sollte deutlich machen, dass hier ein individueller Lebensvollzug dargestellt wird, der etwas ganz anderes ist als ein Schema oder eine Idee (wo sie ein Schema ist, geht sie bloß in theoretischen Sätzen auf, ist hart geworden, ist Exemplar einer Gattung). Ein individueller Lebensvollzug kann gar nicht ohne Sprache sein (Mimesis ist nie ein bloß Vorsprachliches), kann nie ohne das Sprechen mit den Anderen sein. Er ist immer nur im Verhältnis zu anderen Lebensvollzügen, meist individuellen, höchstwahrscheinlich anderen.

Eine Erzählung über solche Mischungen kann epigonenhaft sein. Dies ist es meistens. Erzählungen über Detonationen wollen meistens an Gräbern rühren, an ganz aufdringlichen Bildern. Sie sind noch ganz schwanger davon, dass sie an den Eutern der Weisheit saugen durften, vermeintlich ein Sprechen darüber gefunden haben. Ihnen läuft noch die schwarz-sch(m)erzhafte Milch der Frühe an den Wangen herunter, die eben noch geschlagen wurden, wurde. 

Die Erzählung von »neudeutsch«: ›Opfern‹. Etwas, was vorgaukelt, ein authentischer Bericht zu sein, die Erzählung eines Postkommilitonen, der gar nicht sonderlich erquickt ist von seinem neuen Status (der Abwesenheit der in diese Sprache übersetzten Waffengefährten, wie mir erzählt wurde), der irgendwie nur so vor sich herschreiben kann. Dem aber der Zwang zur anderen Tätigkeit, Lohnarbeit einen Zwang vor Augen führt, der je und je schon erwachsen ist. Das Phantasma des Geschlagen-Werdens kehrt dort wieder. Es hält von der Tätigkeit ab, macht sie zu Unmöglichkeiten, da sie schlaghaft ins Leben tritt, dieses Schlaghafte aber auch wirklich werden soll, ein strikt perverses Begehren. Erst mit der Ent-Täuschung der Anderen kann geschlagen werden, kann »man« geschlagen werden. Wohin also flüchten? In die Tinten, die Buchstaben, weil er oder ich in die Imagination gezwungen ist, »einmal nochmal so schreiben wie im 19. Jahrhundert, richtig mit Schachtelsätzen und den Ideen aus dem Proseminar, so leicht gefärbt mit Kaffeevariationen, Apple-PCs, einer immer weitläufiger werdenden Wohnung, ohne linke Konventionen, aber immer noch mit einem aufdringlichen Selbstanspruch zur post-post-pubertären Schaumschlägerei, zum Exhibitionismus der Abschlussarbeit, und auch davon unterschieden: dem Dialog über die eigenen Verwerfungen, die das Bild des Intellektuellen in den Aufschub zwingen, es zum Un-wirklichen werden lassen, was sich nur im Anerkennen des Scheiterns, im Abbruch des opus magnum verwirklichen lässt, in kleinsten Schritten. Und dennoch muss es entgleiten«.

Wer so etwas denkt - schön und gut. Die Pose ist ja sicherlich sinnvoll, sie trifft auch etwas. Es wirkt antiquiert so zu schreiben, altväterlich. Es hat etwas von vergangenen Zeiten, es gebricht an Aktualität, wirkt wie die endlosen Teppiche des Proggrock und ganz anderen Detonationen, Denotationen: schlechter Geschmack, schlechter Stil. Aber indem ich das schreibe, wird mir der Schlag deutlicher. Das heißt jetzt nicht, dass ich das begriffen hätte, dass dies nie wieder vorkommen wird.

Nein, ich kann geschlagen werden, und sei es vom Besoffenen in der U-Bahn, dem Blick der Enttäuschten, dem Blick des Versprechengebrochenen, aber dieser eine Schlag, der ist notwendig mit unendlich viel aufgeladen (der Schlag hat nicht etwas Heiles, Ganzes ist aufgestört, gebrochen). Selbst dieser eine Schlag kann Trauer bedeuten, kann Kränkungen aufreißen, die verdrängt waren. Nicht der Schlag ist das Widerliche, dieses Unmittelbare, dieses Plötzliche, sondern diese abwesende Anwesenheit der Gewalt, die also schon immer irgendwie dagewesen, die gleichursprünglich zur Gewaltlosigkeit sein muss, zum Dialog, zum Miteinanderteilen. Es ist beides notwendig möglich. Aber dies kann nur bedeuten, dass trotz all der Lächerlichkeit und Peinlichkeit dieses Schreibens, ich es nur nicht-begreifen kann, wenn ich es begreife. Es ist nur negativ bestimmt. Und hier bekommt das Negative eine schräge Konnotation: Dieses Negative macht das Glück erst möglich, unterscheidet es notwendig vom Monolog, dem Schweigen, dem Ruf (zur Ordnung des Daseins), der Verschiedenheit von Freund und Feind. Sonst unterliegt das Negative der Verdrängung. Es soll aber Darstellung finden, denn seine Polyphonie ist das Schreien der Angst und erst in dieser Entfremdetheit, in all seiner Lächerlichkeit wird es erst wirklich durch das Lesen im Schreiben.

Der Schmerz ist kein Erstes, noch der Schlag, das Innere noch das Äußere. Erst im Geschlagen-Werden wird das Andere von ihm geschieden, erst in der Kränkung blitzt das Andere als Mögliches und Unmögliches (d.h. in seiner Allgegenwart) auf. Wer sie in Schweigen hüllt, wer sie in die Kühle der reinen, theoretischen Sätze zwingt, der vergisst, der wartet auf die Verwirklichung des Schlages immer noch.

Mag sein, dass deswegen Adorno zu einer Vaterfigur wurde und intuitiv das Gewalttätige der Heidegger’schen Philosophie borniert abgelehnt wurde. Das könnte richtig sein, es bleibt aber auch notwendig möglich dem Missverstehen ausgesetzt (nevver:Eat My Dust).

(Quelle: anormaux)

Die Hitze, Madame, nur die Hitze!

Ein Rauschen. So lebe ich zumeist. Zumindest wenn der Abgrund gerade ein Bild genossener Selbsterzählungen ist. Wenn er leicht-dumpf über diese feine Ader im Innenohr schlägt, sich dann äußert als Annäherung an die Erinnerung vom Galopp des Herzens, wenn er possierlich geworden ist, kaum noch gekannt, verblasst, dezentriert, Moment. Nichts weiter. Und doch geht es weiter. Mit ihm. Über ihm soll man sich halten, schwebend. Eine unmögliche Übung.

Dies deshalb, weil die Polyphonie des Abgrundes nicht stillzustellen ist. Es kann nicht die Selbsterzählung geben, in welcher die Kränkungen wie Trophäen oder Miniaturen an den Wänden ausgestellt sind, bereit für den Rundgang mit den Freundschaften, die staunend die Brauen heben, wenn offen über all den Fährnissen der Plauderton regiert. So etwas kann geschehen. Wahrscheinlich befinde ich mich dann wieder im Abgrund, oder in einem seiner Höhlungen, die von entleerten Sätzen, beinahe trefflichen Formulierungen aufgefüllt wurden. Langsam versinke ich in ihnen. Wo einst diese Sätze kleine Stufen, Vorsprünge waren, an denen ich mich hochziehen konnte, haben nun die Ablagerungen des Speichels, weil sie eben wieder und wieder gesprochen wurden, diese glitschige Schicht geformt (es ist freilich nicht allein die beständige Wiederholung, dass diese Sätze gesprochen wurden, sie nutzen sich ja nicht ab wie Jungfernhäutchen, verlieren nicht ihre ›Kantigkeit‹, ›Festigkeit‹, nein, es ist vielmehr diese trügerische Gewissheit, dass sie mit einer Stimme gesprochen werden können). Ja, ich war beim Speichel. Er liegt also auf den Sätzen, die Vor-sprünge sein könnten, Stufen, was auch immer, aber nun sind sie glatter. Irgendwann im Rauschen ergreife ich diesen einen Satz – und er wirkt nicht mehr. Kein Halten mehr, darauf ist nicht zu schweben. Die Feuchte der Finger kommt hinzu, das Gewicht eines Leibes, was an ihnen zerrt, das plötzlich Erhebende des Fallens, das Aufsteigen der Schwere im Kopf, während der Körper die Leichtigkeit gewinnt,  die vollendete Glücklichkeit in der Vorstellung, dass der Schädel endlich aufschlägt, es sich im knöchernen Knacken auf Fließen, Steinplatten, Estrichen ergießt, spratzt, spritzt, sanfter fließt, die Wand küsst, die eine kleine Welle aus ihm formt und es zurückschickt, das nun die offene Stelle meines Schädels liebkosend umspielt.. Abrutschen, Aufschlagen, zerworfene Scheitel, als der Ast krachte, der sicher geglaubte, der große, der flechtenbedeckte. Dem Baum die fallenden Pflaumen, die faulen.

Das Herunterspringen gewinnt für den Scheiternden, dem im Abgrund, eine unerhörte Schönheit. Das, was ihm schon einmal widerfuhr, dies will er nun krönen. Endlich, wirklich selbst tun. Das Gefühl der Ohnmacht kehrt im Sprung wieder – im triumphalischen Sprung, der über das Leben triumphieren soll. Aber: »Das Leben lebt nicht«. Ich kann »das« Leben nicht denken. Alle Sätze, die das Leben zum Subjekt haben, abstrahieren vom Lebenden, der Heterogenität des Lebens. Das Leben ist nur als Vollzug, es ist immer »leben«, es ist eine Tätigkeit, die immer im Widerspruch sich vollzieht. Wer gelangweilt von seiner Selbsterzählung aufblickt, wer dabei noch in Itunes den neuen Track anwählt, das Gespräch mit dem Anderen abbrechen wird, und so der Streit in den Raum kommt. Es ist selbst im gelaufenen Gespräch, in einem Gespräch, das vor Jahren geführt wurde, was aber wieder aufgegriffen werden kann, was plötzlich im anderen Licht steht, in ein anderes Licht der Erkenntnis getaucht wird, oder vielmehr fällt. Das Licht der Erkenntnis fällt von Außen auf den Erkennenden, weil Erkenntnis nie bloß ein Objekt des Erkennenden ist, noch das Subjekt des Erkennens. Es ist vielmehr, diese Frage, das »Hab ich das wirklich gesagt? Oh, das wollte ich nicht sagen, das tut mir leid«. Es sind wohl Jahre vergangen und als klar ist, dass dieser Satz einmal von mir gesprochen wurde, dann gewinnt er nun im Licht der Gegenwart einen anderen Schimmer, ich erkenne ihn nicht wieder, er ist mir fremd geworden. All die Kontexte, in denen ich früher war, haben sich nachträglich geändert. Wo ich einst glaubte, dass es irgendwann, nach Abschluss der Psychoanalyse, ein Lesebuch von mir geben würde, in dem mein Leben in all seinen Abgründen darläge, da war der wirkliche Abgrund: Die Hoffnung darauf, dass die Gespenster der Vergangenheit endlich ausgetrieben. Dies ist eine irre Hoffnung: Die Erinnerung, die wiederkehrt, die einen aufschrecken lässt, ist kein einzelnes Wort, kein einzelner Satz, dessen Sinn, dessen Bedeutung ein für alle Mal gesichert ist. Er ist nur als gesprochener, nur als gebrauchter Satz bedeutend und dies lässt das Neue durch das Alte sprechen, indem das Alte im Neuen ist.   

Vielleicht ist es so klarer: Vergangenheit steht nie still. Das Schreiben einer Selbsterzählung ist immer zu bedächtig, ihr Genießen wirklich nur eines des Augen-Blicks, wenn im Blick des Anderen das Andere so aufschimmert, dass ich mich wundere, dass ich dies habe sagen können. Dann kann ich darüber schreiben. Verliert sich der Blick, wird es anders: »Die Schrift, die zu sich selbst gelangt, ist nur ein Zeichen der Verachtung«. Die Autobiographie immer ein notwendiger Schein. Wer distanzlos sich selbst erzählt, erzählen will, wer den Pathos desjenigen pflegt, der sein Leben erzählen will, sein ganzes oder zumindest ehrlich annäherungsweise vollständig veröffentlichen möchte, der muss notwendigerweise schon mit einer anderen Stimme gesprochen haben, um sich selbst zu lesen. D.h. er muss sich missverstanden haben, um einen Satz über sich sagen zu können, der so unerschöpflich ist, wie die Grenzen des Abgrunds.

Die Dialektik der langen Unterhose

Es ist ein Punkt erreicht, der so bestimmt ist, dass von den Oberschenkeln bis hinab zu den Knöcheln (und besonders dort) einen ein leichtes Unwohlsein, eine Angespanntheit der Haut überrascht, die plötzlich in ein Kribbeln, dann an gewissen Stellen zum Juckreiz führt. Das ist unerträglich. Und gerade das Kribbeln geht mit dieser unbestimmten Klammheit einher. Es entsteht das Gefühl, dass es unter ihr, diesem so sinnigen Kleidungsstück (fast gleich welchen Materials), subtropische Bedingungen vorherrschen müssen. Die Feuchte ist allerdings nirgendwo auszumachen. Sie wird nur vermutet. Es besteht die Schwierigkeit, dass ich mich dann immer in Räumen befinde, die das Tragen der langen Unterhose als mütterlich Übersorgtes erscheinen lassen, sie wird eben unnötig, sobald der beheizte Raum betreten wird. Im Winter haben diese Räume aber nun einmal ihre eigene Schwerkraft. Das Hinausgehen wird endlos aufgeschoben. Dadurch aber auch das Kribbeln. Das beständige Umkleiden setzt aber eine Körperbeherrschung, Fingerfertigkeit und Diszipliniertheit voraus, die dem einstmals Übersorgten vollkommen abgeht. Das alles anzustreben, naja, ist weniger Ausweis der Realitätstüchtigkeit, als vielmehr der Abstumpfung.

Andererseits: Bin ich diesen unmenschlichen Temperaturen ausgesetzt, dann  resultiert die Gespanntheit der Haut eben aus der Kälte. Frieren diese merkwürdigen Verlängerungen des Rumpfes, sind diese Bastionen der Beweglichkeit erst einmal gefallen, dann geht es nicht mehr. Geht es dennoch, dann kann das zweckmäßig sein, muss es aber nicht. Da Letzteres möglich, ist die lange Unterhose ein Gebot der Vernunft. Wem sie peinlich, selbst das Schreiben über sie nur Ausgeburt der blasierten Langeweile, der oder die will von Geschlecht reden, als hätte es die mögliche Zartheit der Beine nie gegeben, als könnte am Torso schon etwas Bestimmtes erkannt werden. Nein, die lange Unterhose verquickt sich notwendig mit der Strumpfhose, dem Zur-Schau-Stellen, einer Weibischkeit, die nicht gerade die Zierde der Zivilisation, aber zumindest ein Moment des Fortschreitens, des angemessenen Fortschreitens ist:

Durch und in der langen Unterhose stiftet (und wird gestiftet) sich eine Situation der Unentscheidbarkeit, vollzieht sich nichts weniger als wirkliche Freiheit.