"Kommunismus, Gemeinschaft: solche Termini sind wirklich Termini, insofern die Geschichte, die grandiosen Enttäuschungen der Geschichte sie uns auf dem Hintergrund eines Desasters erkennen lassen, das weit über den Ruin hinausgeht.
Entehrte oder verratene Begriffe, das gibt es nicht, wohl aber Begriffe, die nicht »angemessen« sind ohne ihre eigentliche oder uneigentliche Preisgabe (die nicht ihre schlichte Negation ist), und das erlaubt uns nicht, sie ruhig zurückzuweisen oder zu verwerfen. Was immer wir vorhaben, wir sind gerade durch ihre Zerrüttung ans sie gebunden."
- Maurice Blanchot: Die uneingestehbare Gemeinschaft, Berlin 2007, S. 10.
"Von Kyrene begab sich Plato nach Ägypten, bald darauf aber nach Großgriechenland […]; er kaufte um schweres Geld die Schriften der älteren Pythagoräer und errichtete Freundschaft mit Dion in Sizilien. Hierauf trat er in Athen/in der Akademie als Lehrer auf, ein Spaziergang, in dem sich ein Gymnasium befand; die Anlage war gemacht zur Ehre des Heros Akademos, aber dieser ist in die Dunkelheit getreten und Plato ist der wahre Heros der Akademie. Seine Geschichte in Athen unterbrach er durch dreimaliges Reisen zu Dionysius dem jüngeren, der Herrscher von Syrakus und Sizilien war. Dieses Verhältnis machte in seinem Leben einen bedeutenden Punkt aus. Es war teils die Freundschaft zu Dion, die ihn bewegte, dahin zu reisen, besonders aber war es die Hoffnung durch Dionysius eine wahre Staatsverfassung in die Wirklichkeit gesetzt zu sehen. Dies sieht jetzt oberflächlich recht plausibel aus und ist in hundert politischen Romanen zum Grund gelegt, ein junger Fürst und hinter ihm, neben ihm, steht ein weiser Mann, ein Philosoph, der ihn unterrichtet, inspiriert; dies ist eine Vorstellung, die in sich hohl ist."
- Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über Platon (1825-1826). Unveröffentlichter Text, herausgegeben von Jean-Louis Vieillard-Baron, Frankfurt am Main – Berlin – Wien 1979, S. 67.
(Quelle: abendgesellschaft)
"Das Geschehen, das den Historiker umgibt und an dem er teil nimmt, wird als ein mit sympathetischer Tinte geschriebener Text seiner Darstellung zu Grunde liegen. Die Geschichte, die er dem Leser vorlegt, bildet gleichsam die Zitate in diesem Text und nur diese Zitate sind es, die auf eine jedermann lesbare Weise vorliegen. Geschichte schreiben heißt also Geschichte /zitieren/. Im Begriff des Zitierens liegt aber, daß der jeweilige historische Gegenstand aus seinem Zusammenhange gerissen wird."
- Walter Benjamin: Das Passagen-Werk, in: Rolf Tiedemann (Hg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften V.I, Frankfurt am Main 1991, S.595.
(Quelle: nokturn, via walter-benjamin-bluemchen)
"Der Lacansche Standpunkt macht nicht nur deutlich, daß die identifikatorischen Beziehung mit dem Bild das Ich errichtet. Zudem ist das durch die Identifikationsbeziehung errichtete Ich selbst eine Beziehung, im Grunde genommen die kumulative Geschichte solcher Beziehungen. Infolgedessen ist das Ich keine mit sich selbst identische Substanz, sondern eine abgelagerte Geschichte imaginärer Beziehungen, die das Zentrum des Ichs außerhalb seiner selbst, in der externalisierten Imago lokalisieren, die Körperumrisse verleiht und herstellt."
- Judith Butler: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Frankfurt am Main 1997, S. 112.
Ein Hauch von Dialektik I: Verdinglichung ist stets ein Vergessen der Gesichte (nevver).
"Weil eine solche Umgangsform mit Titel-Wörtern und Titel-Sätzen Erfahrung mit freien Sprachtechniken, wie man sie aus der Poesie kennt, und Urteilskraft voraussetzt, hat sie mit Mißverständnissen zu rechnen. Das harmloseste äußert sich in dem Vorwurf der Unklarheit, wenn dieser als Bitte zur weiteren Erläuterung der Gebrauchsform zu verstehen ist. Denn mit einer solchen Bitte beginnt im Grunde nur ein weiteres Gespräch über das, was es noch alles zu Titel und Thema zu sagen und auszudifferenzieren gilt. Ein solches Gespräch läßt sich potentiell unendlich fortsetzen. Die Bitte nach weiterer Klärung kann immer auftreten und findet auch immer einen guten Grund. Allzuoft aber ist der Vorwurf der Unklarheit Ausdruck der Weigerung zur Teilnahme an dieser angeblich ›vagen‹ Art des Umgangs mit Sprache. Es ist hier nicht der Ort, im einzelnen zu zeigen, warum diese Weigerung immer auch einen Mangel an sprachlicher Bildung und sprachphilosophischem Verständnis ausdrückt."
- Pirmin Stekeler-Weithofer: Zur Dekonstruktion gegenstandsfixierter Seinsgeschichte bei Heidegger und Derrida, in: Andrea Kern und Christoph Menke (Hg.): Philosophie der Dekonstruktion, Frankfurt am Main 2002, S. 24.
"Kommunismus, Gemeinschaft: solche Termini sind wirkliche Termini, insofern die Geschichte, die grandiose Enttäuschung der Geschichte sie uns auf dem Hintergrund eines Desasters erkennen lassen, das weit über den Ruin hinausgeht.
Entehrte oder verratene Begriffe, das gibt es nicht, wohl aber Begriffe, die nicht ‘angemessen’ sind ohne ihre eigentliche oder uneigentliche Preisgabe (die nicht ihre schlichte Negation ist), und das erlaubt uns nicht, sie ruhig zurückzuweisen oder zu verwerfen. Was immer wir vorhaben, wir sind gerade durch ihre Zerrüttung an sie gebunden. Während ich das schreibe, lese ich die Zeilen von Edgar Morin, die viele von uns gutheißen können: “Der Kommunismus ist die wichtigste Frage und die entscheidende Erfahrung meines Lebens. Ich habe nicht aufgehört, mich in den Bestrebungen wiederzuerkennen, die er zum Ausdruck bringt, und ich glaube immer noch an die Möglichkeit einer anderen Gesellschaft und einer anderen Menschheit.”
Diese schlichte Behauptung mag naiv erscheinen, aber in ihrer Redlichkeit sagt sie uns etwas, dem wir uns nicht entziehen können: warum? was hat es mit der Möglichkeit auf sich, die stets auf die eine oder andere Weise in ihre Unmöglichkeit verwickelt ist?"
- Maurice Blanchot: Die uneingestehbare Gemeinschaft, Berlin 2007, S. 10.
"Die anderen aber haben sich einzurichten, neu und mit Wenigem. Sie halten es mit den Männern, die das von Grund auf Neue zu ihrer Sache gemacht […] haben. In deren Bauten, Bildern und Geschichten bereitet die Menschheit sich darauf vor, die Kultur, wenn es sein muß, zu überleben. Und was die Hauptsache ist, sie tut es lachend. Vielleicht klingt dieses Lachen hie und da barbarisch. Gut. Mag doch der Einzelne bisweilen ein wenig Menschlichkeit an jene Massen abgeben, die sie eines Tages ihm mit Zins und Zinseszinsen wiedergibt."
- Walter Benjamin: Erfahrung und Armut, in: Hermann Schweppenhäuser & Rolf Tiedemann: Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Frankfurt am Main 1991, Band II.1, S. 219.
"Marx spricht vom Albdruck toter Geschlechter; Benjamin von der Befreiung der Vergangenheit. Das Tote ist nicht tot in der Geschichte. Eine Funktion von Drama ist Totenbeschwörung – der Dialog mit den Toten darf nicht abreißen, bis sie herausgeben, was an Zukunft mit ihnen begraben worden ist."
- heiner müller: gesammelte irrtümer II, berlin 1986, s. 64 (via
fextracts).