"Statt zu fragen, wofür wir leben, fragen wir uns nur noch, wie wir möglichst lange leben beziehungsweise überleben können - gemäß den nunmehr völlig fraglos verabsolutierten Prinzipien wie Gesundheit, Sicherheit, Nachhaltigkeit und - vor allem - Kosteneffizienz. Dies ist nicht allein ein Stück Torheit - gemäß den Worten des Epikur, wonach der Weise niemals das größte Brot wähle, sondern immer das süßeste. Wir begehen damit vielmehr genau das, was in den Augen des römischen Satirikers Juvenal die schlimmste ethische Verfehlung darstellte. Er schrieb: ›Betrachte es als den größten Frevel, das nackte Leben höher zu stellen als die Scham. Und um des Lebens willen die Gründe, für die es sich zu leben lohnt, zu verlieren.‹"
- Robert Pfaller, »Wofür es sich zu leben lohnt. Und was uns das vergessen lässt: Über-Ich, Narzissmus, Beuteverzicht«, in: Christoph Menke und Juliane Rebentisch (Hg.):
Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus, Berlin 2010, S. 193.
(Quelle: edsminorplace)
"Es ist also auch der Körper selbst, der Leib, “mein” Körper, der fremd ist. […] Das Fremd-Sein ist der Körperlichkeit inhärent. Vor allem anderen dehnt sich der Körper aus, und diese Ausdehnung entwindet ihn dem unwirklichen Zustand eines Punktes. Der Körper kann nicht dimensionslos gesagt werden. Aber seine Dimension, als seine Dimensionen bilden ebenso viele Distanznahmen: Die anderen Körper müssen auf Abstand gehen. Dieser Abstand eröffnet die Grundlagen ihrer Beziehungen - ihrer Kontakte, ihrer Konfrontationen, ihrer Blicke, ihres Zuhörens, ihrer Geschmäcker und Reize. […]
Es ist dennoch nicht so, dass die “Kunst” die Fremdheit dieses Körpers einhegte und folglich verringerte. Ganz im Gegenteil: Sie exponiert sie und höhlt sie aus oder akzentuiert sie, sie übertreibt sie bei Bedarf, sie verschlimmert sie, sie jagt ihr nur nach, um sie besser entwischen zu lassen. Insgesamt gesagt: Sie öffnet ihr den Raum für eine grenzenlose Ausbreitung."
- Jean-Luc Nancy: Befremdliche Fremdkörper. In: Miriam Fischer (Hg.): Ausdehnung der Seele. Texte zu Körper, Kunst und Tanz, Zürich-Berlin 2010, S. 46 und 58.
(Quelle: fextracts, via walter-benjamin-bluemchen)
"Doch wenn sie sich dann mit einem schnaufenden Nasenlaut wieder über ihre Arbeit beugte mußte ich ihr recht geben, denn das Pfeifenrauchen führte zu keinen umwälzenden Ergebnissen, ich hörte nur den Speichel im Tabak brodeln, und der Gaumen schmerzte mir vom beizenden Rauch, und die Asche, die abgebrannten Streichhölzer und die verrußten, verklebten Tabakreste zeugten von herausgeworfenem Geld, und ich bemühte mich, nur eine kleine Einzelheit zu finden, die in diesem Prozeß zu meinen Gunsten sprach, doch ich fand keine. Ich wußte schon, wenn ich mich an den Tisch setzte, daß ich in der kurzen Zeitspanne, die mir gegeben war, nichts erreichen konnte, und doch setzte ich mich hin, nahm mir die Papiere vor, schlug in meinen Büchern irgendwelche belanglosen Dinge nach. Auch wenn ich einmal etwas auf das Papier schrieb wußte ich, daß es etwas Nichtssagendes war, trotzdem schrieb ich es hin, las es wieder durch, nickte und tat, als sage es mir etwas. Ich errichtete mir für einige Minuten ein Bollwerk, ich verschanzte mich hinter den Papieren, und der Bleistift war meine Waffe. Der Bleistift brach ab, er mußte gespitzt werden. Das nahm seine Zeit in Anspruch."
- Peter Weiß: Das Gespräch der drei Gehenden, Frankfurt am Main1996, S. 70f.
"Eine Zigarette ist der Inbegriff eines vollendeten Genusses. Er ist köstlich, und er läßt einen unbefriedigt. Was kann man mehr verlangen?"
- Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray, Frankfurt am Main und Leipzig 2002, S. 111.