Wie es ist, wenn ich gehe. Wie es war. Irgendwann dachte ich, dass ich dort hätte austrocknen wollen, wie dieser Einsiedlerkrebs, den ich im Hotelzimmer entdeckte.
Tauchend hatte ich Muscheln gefunden. Die ich auf dem Grund, ganz leicht, fand, von den Wellen bezärtelt, die Öffnungen so in sich gekehrt, wie kleine vaginale Verspielungen, die noch im Unbekannten treuten. Ich nahm sie heraus. Er kam mit. Brachte sie in mein Zimmer. Als ich den nächsten Morgen aufstand, ich teilte zum ersten Male das Zimmer mit einem Freund, da lag er dort. Die Scheren sehnsüchtig reckend, wie flehend, eingefallen die Stile der Augen, leicht dünstend das Salzige, das Fischigstickige. Nie habe ich mir mehr den Tod gewünscht, als in diesem Moment. »Aber es gibt doch noch tausend andere Einsiedlerkrebse, das ist doch gar nich so schlimm«. Gerade dies ließ die Krämpfe an den Augenrändern reißen, weil nichts mehr nachkommen wollte, weil es trocknete, weil es brandte.
Als Letzter in Marbchen bleiben. Kopfsteinpflasterschwer. Jeden Tag die Allee hochstreifen, die ich selten betrat, die Pferdetränke atmen, einmal den Abend die Gläser dort, auf den Terassen, im Sprechen den Anderen so verlieren, als wäre er doch so anwesend in seiner Abwesenheit, wie ich dort mich erblickte in umgreifender Entfremdung, so als wäre meine Stimme nicht länger mehr die meine, sondern spräche ich in Deinen Augen, einmal wieder, auf diesem Betonsteg vor den quappenden Wassern, nochmal Steine dort hinwerfen, wo die Worte nicht länger einschlagen wollten, kein Wort in den Spiegeln kreisend ziehen wollte, einmal noch die dampfende Ampelanlage, als der Bierdunst und die Scherbe aus ihr quoll, oder Mäusenester hinter Küchenschränken, Dein Lachen, dass mich in die angstbeleckte Blöße zog, dass ich hätte schreien können unter Kastanien, einmal dort noch das Knirschen Deiner Füße auf Blech, das gehetzte, glücksverlorene Sprinten und die Einkehr in die gülden dämmernde Bäckerei, als alles doch noch wach war, einmal dort noch mit Dir reden, als die Hypochondrie Dich auf die Bänke fällte, als Tränen alles zerstickten, was mich in das ruhelose Flanieren trieb, als Du meine Schritte verraten hast, Dich umgewendet hast, sagtest, dass Du Dich melden wolltest, aber es alles zu nah an Dir schlug, als wir uns zerschmetterten ob einer Silbe, eines Präfix, einer Wendung, die nicht die Deine sein wollte, was endlose Stürze, leere, des Verzeihens nach sich zog, als Du dort gesehen hast, eingerahmt von Monstera und Quader, rauchlos, Arroganz machte das Sperrholz glänzend, weil Licht auf Deine Füße fiel, weil Du mich nun dort hattest, wo ich zappelte, einmal noch dort liegen, Deine rote Decke, Sternzeichnungen, so verlierend nur in den Zügen auf diesen Schachbrettern vergifteter Erzählungen, einmal noch die Beckenwand einschlagen, in großen Stößen, Du dort, als ich es nicht länger konnte, nur den Schlag mit Dir, nie gewappnet der Schlünder der Reue, als Du trankst, trankst und getrunken warst, als Du es sagtest, als längst die zweite Nacht hinfort gesprungen war, als Du fragtest, ob der Lacan schon gelesen sei und ich in Nacktheit zum ersten Mal verneinen konnte, ohne dass der Klos, dieser elend große, alles unmöglich machte, die Vergiftung ausblieb, weil die Wunde durch uns ging, einmal bitte die Mantis religiosa auf Deinem Armrücken, so grazil, so ringend Deine Luft, einmal so bitte, lies mir Dein Lyrisches vor, was vermutlich im endlosen Aufschub des Ausredens nachtfaltergleich Staub um Staub seine Schönheit gewinnt, im endlosen Darübersprechen, dass dort etwas zwischen uns gebrochen ist, sich verloren hat, einmal noch Deinen Kaffeefleckspuren folgen, so als könnte ich den Spott und Verachtung diesmal herunterschlucken und Du nicht in der Trotzigkeit verbleiben, einmal noch bei ihr liegen, als Worte so wirklich, dass sie übergebraten wurden und ich schlagartig sie durch die Bilderreigen sah, als Deine Arme durch die Luft surrten, wir uns verloren haben in den Stimmen über den Bässen unserer Schädeldecken, als sie klingelten, irgendwann im Morgen und Du in das Bad geflüchtet bist und ich den schreienden Halbaffen abwehren musste, der unsere Dialoge immer ins Flüstern zwang, einmal doch von Deinen Selbsterzählungen an die Wand gedrückt werden, die Polster wie Bretter, Du im rauschend Dich verlieren, in dieser Panik, dieser Starrheit die Sätze schleudernd, die ich kaum vernehmen konnte, aber doch einmal noch mit Dir schweigen, magst Du nicht zu mir kommen und wir schweigen wieder, Woche um Woche, und wir lesen, Woche und Woche, und irgendwann verlässt einer das Haus und holt Fertigsushi und wir schweigen wieder, lachen kurz verstört, Du drehst Zigaretten, und wir schweigen wieder Woche um Woche? Ja, lass das Kommen. Lass es kommen. Es wird ja Zeit, wenn es Zeit wird. So Zeit, dass ich zurückfahre, einmal noch, ach, lass dieses Einmal in die Schleife. Nicht in die, die der Tod sein mag. Kein Einsiedlerkrebs ist dort gestorben, aber manchmal, wenn ich sein Gehäuse an mein Ort halte, dann höre ich dieses Rauschen.
XII. Freundschaft ist die wirkliche Entschleunigung des Masturbationszwanges, anderenfalls geht es nach hinten los.
Edle Künstler_innen MDCLXIV: Gisèle Freund – Walter Benjamin at work; last moment of peace in Paris, 1939 (chagalov:bloomsbury).
- Aber seien wir vorsichtig. Wenn wir über Freundschaft sprechen, sind wir am Ende vielleicht gar keine Freunde mehr. Wir sind dann auseinandergeraten, weil wir einander zu nahe gekommen sind oder uns zu sehr voneinander entfernt haben.
- Können wir also nur darüber sprechen, warum wir nicht über Freundschaft sprechen können?
- Wenn wir nicht über Freundschaft sprechen können, wenn es etwas gibt, worüber wir nicht sprechen dürfen, sind wir keine Freunde mehr. Müssen wir uns nicht mit jedem Gespräch der Gefahr aussetzen, daß wir am Ende keine Freunde mehr sind? Was wäre ein Gespräch ohne eine solche Gefahr? Ohne den Schatten der Feindschaft, die kein Gespräch kennt?
- Du hast recht. Denn wir wissen ja bereits am Anfang des Gesprächs nicht, ob wir Freunde sind.
- Wann sind wir also Freunde?
- Vielleicht dann, wenn wir sprechen und nicht mehr sprechen können.
- Du meinst, wenn wir uns alles und zugleich nichts zu sagen haben?
"
Edle Denker LXXXIII: Andre Gide, dargestellt von Gisele Freund, 1939 (yama-bato).
(via shiro-absence)
Edle Denker LXXXI: Paul Valery, dargestellt von Gisele Freund, 1938 (yama-bato).
(via shiro-absence)