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Wonnegrausen

Ich hätt' so gern ein Mozartzöpfchen und den Tausendtod in der Zitationsmasturbation...

"In meinen Augen verkörperte die Mutter alle Traurigkeit und Zwanghaftigkeit meines Lebens, mit jener Mischung aus Vagheit und Präzision, welche gewisse allegorische Figuren kennzeichnet. Mit anderen Worten: tagelang war sie einfach meine Mutter, eine kleine, vor der Zeit gealterte Frau, und dann machte sie plötzlich, ohne daß sie es merkte, eine Geste, die für meinen ganzen Jammer stand. Zwischen ihr und den kleinen engen Zimmern, die wir bewohnten, stellte sich eine Beziehung ein wie zwischen Körper und Seele. Wenn sie außer Haus war, folgte mir ihr Schatten von Raum zu Raum und verdarb mir das Alleinsein."
- Julien Green: Der andere Schlaf, München – Wien 1988, S. 54.
"Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.
-
Aus ihnen kommt mir Wissen, daß ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
›den‹ Traum erfüllt, den der vergangen Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen."
- Rainer Maria Rilke: Das Stunden-Buch, in: Manfred Engel u.a. (Hg.): Rainer Maria Rilke – Die Gedichte, Frankfurt am Main und Leipzig 2006, S. 202.
"Die Sprache hat es unmißverständlich bedeutet, daß das Gedächtnis nicht ein Instrument für die Erkundung des Vergangenen ist, vielmehr das Medium. Es ist das Medium des Erlebten wie das Erdreich das Medium ist, in dem die alten Städte verschüttet liegen. Wer sich der eignen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen - ihn ausstreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt. Denn ‘Sachverhalte’ sind nicht mehr als Schichten, die erst der sorgsamsten Durchforschung das ausliefern, um dessentwillen sich die Grabung lohnt. Die Bilder nämlich, welche, losgebrochen aus allen früheren Zusammenhängen, als Kostbarkeiten in den nüchternen Gemächern unserer späten Einsicht - wie Torsi der Galerie des Sammlers - stehen. Und gewiß ist’s nützlich, bei Grabungen nach Plänen vorzugehen. Doch ist unerläßlich der behutsame, tastende Spatenstich in’s dunkle Erdreich. Und der betrügt sich selber um das Beste, der nur das Inventar der Funde macht und nicht im heutigen Boden Ort und Stelle bezeichnen kann, an denen er das Alte aufbewahrt. So müssen wahrhafte Erinnerungen viel weniger berichtend verfahren als genau den Ort bezeichnen, an dem der Forscher ihrer habhaft wurde. Im strengen Sinne episch und rhapsodisch muß daher wirkliche Erinnerung ein Bild zugleich von dem der sich erinnert geben, wie ein guter archäologischer Bericht nicht nur die Schichten angeben muß, aus denen seine Fundobjekte stammen, sondern jene andern vor allem, welche vorher zu durchstoßen waren."
- Walter Benjamin: Berliner Chronik, in: Rolf Tiedemann (Hg.): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften, Band VI: Fragmente, Autobiographische Schriften, Frankfurt am Main 1984, S. 486. 

(Quelle: walter-benjamin-bluemchen, via noxe)

"Wenn das Vergessen dem Gedächtnis vorausgeht, es vielleicht gründet oder an ihm unbeteiligt ist, dann ist Vergessen nicht nur ein Mangel, ein Fehl, eine Abwesenheit, eine Leere (etwas, von dem aus wir uns erinnern, das aber im gleichen Augenblick, vorausfallender Schatten, die Erinnerung ihrer Möglichkeit nach tilgt und so das Eingedenken seiner Brüchigkeit, das Gedächtnis dem Gedächtnisverlust überlässt): das weder negative noch positive Vergessen ist vielleicht die passive Forderung, die das Vergangene weder aufnimmt noch entzieht, sondern, indem es an ihm das bezeichnet, was nie stattgefunden hat (wie am Kommenden das, was keinen Platz in einer Gegenwart finden kann), auf nicht historische Formen der Zeit verweist, auf das Andere der Zeiten, auf ihre ewige oder ewig vorläufige Unentschiedenheit, ohne Schicksal, ohne Gegenwart."
- Maurice Blanchot: Die Schrift des Desasters, München 2005, S. 106f.
"Man darf die Toten nicht zu sehr allein lassen."
- Sibylle Lacan: Ein Vater. Puzzle, Frankfurt am Main 2001, S. 61.
Edle Künstler_innen MDCXLIII: Odilon Redon - Die lachende Spinne, 1881.

Edle Künstler_innen MDCXLIII: Odilon Redon - Die lachende Spinne, 1881.

(Quelle: andmymouthisanhourglassofblood)

Das ist Heimat: Ort, an dem man nicht geboren sein muss, wo keine Blutsverwandtschaft irgendetwas verlangt, wo gelebt wurde, so dass es sinnig ist, von einem »lebendiger« zu sprechen. Wo dieses Ich so lebendig war, dass es sich in einer Konstellation von Anderen bestreiten konnte, ohne dass es diesen Ort als Ort wirklich gäbe. Heimat als Moment einer individuellen und besonders allgemeinen Geschichte und Geschichten, die stets ins sich tragen, dass die bestimmte Heimat vergessen oder erinnert erzählt werden kann. Wo all dies aus dem Begriff der Heimat getilgt wird, oder was historisch sich alles mit diesem Begriff verwirklichte, ja, da ist mit Heimat ein Ort bestimmt, ein historisches Ge-Fuge, dass sie bestimmt negiert werden muss oder eben verlassen. 

Das ist Heimat: Ort, an dem man nicht geboren sein muss, wo keine Blutsverwandtschaft irgendetwas verlangt, wo gelebt wurde, so dass es sinnig ist, von einem »lebendiger« zu sprechen. Wo dieses Ich so lebendig war, dass es sich in einer Konstellation von Anderen bestreiten konnte, ohne dass es diesen Ort als Ort wirklich gäbe. Heimat als Moment einer individuellen und besonders allgemeinen Geschichte und Geschichten, die stets ins sich tragen, dass die bestimmte Heimat vergessen oder erinnert erzählt werden kann. Wo all dies aus dem Begriff der Heimat getilgt wird, oder was historisch sich alles mit diesem Begriff verwirklichte, ja, da ist mit Heimat ein Ort bestimmt, ein historisches Ge-Fuge, dass sie bestimmt negiert werden muss oder eben verlassen. 

(via paulchen)

"Vor meinem Fenster
singt ein Vogel.
-
Still hör ich zu; mein Herz vergeht.
-
Er singt,
was ich als Kind besass
und dann - vergessen."
- Arno Holz: Phantasus, Stuttgart 1986, S.16.

(Quelle: nokturn)

"In solchen Nächten werden die Sterbenden klar,
greifen sich leise ins wachsende Haar,
dessen Halme aus ihres Schädels Schwäche
in diesen langen Tagen treiben,
als wollten sie über der Oberfläche
des Todes bleiben.
Ihre Gebärde geht durch das Haus
als wenn überall Spiegel hingen;
und sie geben - mit diesem Graben
in ihren Haaren - Kräfte aus,
die sie in Jahren gesammelt haben,
welche vergingen."
- Rainer Maria Rilke: Aus einer Sturmnacht. Acht Blätter mit einem Titelblatt, in: Manfred Engel (Hg. u.a.): Rainer Maria Rilke - Die Gedichte, Frankfurt am Main und Leipzig 2006, S. 349.
Unglückliche Tage der Menschheit I: 11. September 2001.

Unglückliche Tage der Menschheit I: 11. September 2001.

(via morgenthau)

"Die Trauer muß unmöglich sein. Die gelungene Trauer ist eine verfehlte Trauer. In der gelungenen Trauer inkorporiere ich den Toten, assimiliere ich ihn mir, versöhne ich mich mit dem Tod und verleugne ich infolgedessen den Tod und die Alterität des Anderen-als-Gestorbenen. Ich bin also untreu. Da, wo die von Trauer erfüllte Introjektion gelingt, annulliert die Trauer den Anderen. Ich nehme ihn auf mich, und infolgedessen verleugne oder begrenze ich seine unendliche Andersheit.
[…] Die Trauer schreibt mir sowohl die Notwendigkeit als auch die Unmöglichkeit der Trauer vor. Sie macht es mir zur Pflicht, den Anderen in mich hinzunehmen, ihn in mir leben zu lassen, ihn zu idealisieren, ihn zu verinnerlichen, aber auch, die Trauerarbeit nicht zum gelungenen Abschluß zu bringen: Der Andere muß der Andere bleiben. Er ist wirklich gegenwärtig tot, doch wenn ich ihn in mich als einen Teil von mir hineinnehme und wenn ich folglich diesen Tod des Anderen durch eine gelungene Trauerarbeit ‘narzissiere’, vernichte ich den Anderen, verringere oder leugne ich seinen Tod. Die Untreue beginnt da, zumindest setzt sie sich in dieser Weise fort und verschärft sich noch."
- Jacques Derrida zitiert nach Jacques Derrida & Elisabeth Roudinesco (Hg.): Woraus wird Morgen gemacht? Ein Dialog, Stuttgart 2006, S. 264.
"Der Tod, [wenn wir jene Unwirklichkeit so nennen wollen], ist das Furchtbarste, und das Tote festzuhalten das, was die größte Kraft erfordert."
- Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes, in:  Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel (Hg.): Georg Wilhelm Friedrich Hegel - Werke, Frankfurt am Main 1986, Band 3, S. 36.
"Und nun Dank für die “Biene Maja”: ich behalte sie gerne bei meinem Eigentum, umso lieber, als Ihr darin eingetragener Name mir den freundlich gesinnten Geber immer wieder erinnern wird. Aber nun bitte ich Sie auch, meine Bücher zu behalten, schon weil ich sie gerne für solche halten mag, mit denen man früher oder später wiederholten Umgang hat."
- Rainer Maria Rilke: Brief an Rudolf Zimmermann vom 3. Februar 1921, in: Rilke-Archiv in Weimar (Hg.): Rainer Maria Rilke - Briefe aus den Jahren 1914 bis 1926, Wiesbaden 1950, S. 218.
"Was suchte er so frenetisch? Was lag diesen unendlichen Mühen zugrunde? Dürfen wir sagen, daß alle Leben, Werke, Taten, welche zählen, nie andres waren, als die unbeirrte Entfaltung der banalsten und flüchtigsten, sentimentalsten und schwächsten Stunde des Dasein dessen, dem sie zugehören? Und als Proust an einer berühmten Stelle diese seine eigenste Stund geschildert hat, tat er’s so, daß jeder sie im eigenen Dasein wiederfindet. Nur wenig fehlt, und wir dürfen sie eine alltägliche nennen. Sie kommt mit der Nacht, einem verlorenen Gezwitscher oder dem Atemzug an der Brüstung des offenen Fensters. Und es ist nicht abzusehen, was für Begegnungen uns bestimmt wären, wenn wir weniger willfährig wären, zu schlafen. Proust willfahrte dem Schlafe nicht. Und dennoch, eben darum vielmehr, konnte Jean Cocteau in seinem schönen Essay von dem Tonfall seiner Stimme sagen, daß sie den Gesetzen von Nacht und Honig gehorsam war. Indem er unter ihre Herrschaft trat, besiegte er die hoffnungslose Trauer in seinem Innern (das was er einmal “l’imperfection incurable dans l’essence même du présent” genannt hat), und baute aus den Waben der Erinnerung dem Bienenschwarm der Gedanken sein Haus."
- Walter Benjamin: Zum Bilde Prousts. In: Siegfried Unseld (Hg.) (1977): Walter Benjamin - Illuminationen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 335 - 348, hier: 336f.