"Die Freundschaft ist keine Gabe, kein Versprechen, keine die Gattung auszeichnende Freigebigkeit, keine generische Generosität. Inkommensurable Beziehung des einen zum anderen, ist sie die wiederhergestellte Beziehung zum Draußen in seiner Unzulänglichkeit, Beziehung als Bruch. Das Begehren, reines unreines Begehren, ist der Aufruf zur Überschreitung des Abstands, der Aufruf, durch die Trennung miteinander zu sterben."
- Jacques Derrida zit. nach ders.: Politik der Freundschaft, Frankfurt am Main 2002, S. 396.
"Sein Gesicht war wie der Hauch von einem Gesicht – ein Schwaden, den ein unbekannter Passant in der Luft hinterlassen hatte. In seinen blassen, blau emaillierten Händen hielt er eine Brieftasche, in der er etwas betrachtete.
[…] Ich stand mit der Seite an ihn gelehnt und blickte mit fernen, nicht sehenden Augen auf die zarten Menschenkörper, als das Fluidum eines unbestimmten Aufruhrs, der die Luft plötzlich getrübt hatte, zu mir vordrang und mich mit einem Schauer der Verstörung, einer Welle plötzlichen Verstehens überlief. Doch inzwischen war das vernebelte Lächeln, das sich unter seinem weichen, hübschen Schnurrbart abzeichnete, der Anflug des Begehrens, der sich als pulsierende Ader über seinen Schläfen spannte, und das Gesicht war in die Abwesenheit zurückgekehrt, hatte sich selbst vergessen und zerstreut."
- Bruno Schulz: Die Zimtläden, München 2009, S. 20f.
"Sie richtet sich auf, kalt, weiß, unnahbar wie ein Leuchtturm. Männerhände kriechen wie Käfer über das unzerbrechliche Glas. Männerblicke purzeln und flattern hilflos wie Motten ins Gras."
- John Dos Passos: Manhatten Transfer, Reinbek bei Hamburg 1966, S. 152.
"Noch immer über der verstaubten Gruft
In der sie liegt, die er nicht haben durfte
So oft er auch um ihre Wege schlurfte
Erschüttert doch ihr Name uns die Luft.
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Denn er befahl uns, ihrer zu gedenken
Indem er auf sie solche Verse schrieb
Daß uns führwahr nichts andres übrig blieb
Als seinem schönen Lob Gehör zu schenken.
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Ach, welch Unsitt bracht er da in Schwang
Als er mit so gewaltigem Lobe lobte
Was er nur angesehen, nicht erprobte!
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Seit dieser schon beim bloßen Anblick sang
Gilt, was hübsch aussieht und die Straße quert
Und was nie naß wird, als begehrenswert."
- Bertolt Brecht: Sonett über die Gedichte des Dante auf die Beatrice zitiert nach Walter Benjamin: Brief an Gershom Scholem vom 8. April 1939, in: Gershom Scholem (Hg.): Benjamin - Scholem- Briefwechsel 1933-1940, Frankfurt am Main 1980, S. 306.
"Das Begehren gewinnt Gestalt in der Spanne, in der der Anspruch sich vom Bedürfnis losreißt: wobei die Spanne eben die ist, die der Anspruch (dessen Apell bedingungslos nur an den Andern sich richten kann) auftut in Form eines möglichen Fehlens, das das Bedürfnis hier beitragen kann, weil es keine universale Befriedigung kennt (was man Angst nennt). So linear diese Spanne auch sein mag, sie bringt ihren Taumel zum Ausdruck, wenn nur nicht der Elefantentritt eines launischen Andern sie einebnet. Desungeachtet führt aber diese Laune das Phantom der Allmacht ein, zwar nicht des Subjekts, aber des Andern, in dem sich sein Anspruch einnistet (es wäre an der Zeit, daß dieses schwachsinnige Klischee ein für allemal und einmal für alle an seinen rechten Platz gerückt würde) - […].
[…] Hier läßt sich erkennen, daß die Unwissenheit, der der Mensch in bezug auf sein Begehren verhaftet bleibt, weniger eine Unwissenheit ist in bezug auf das, was er beansprucht (das läßt sich ja letztlich ausmachen), als vielmehr eine Unwissenheit hinsichtlich des Punkts, von wo aus er begehrt.
Eine Antwort darauf stellt unsere Formel dar, daß das Unbewußte Diskurs des Anderen ist, besser: über den Anderen im Sinne des lateinischen (als objektive Bestimmung): de Alio in oratione (tua res agitur, wie man ergänzen könnte).
Dem wäre aber hinzuzufügen, daß das Begehren des Menschen das Begehren des Andern ist, wobei diesmal das ‘des’ in dem Sinn zu nehmen ist, den die Grammatiker subjektiv nennen, d.h. daß der Mensch als Anderer begehrt (worin die wahre Tragweite der menschlichen Leidenschaften liegt)."
- Jacques Lacan: Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewußten, in: Norbert Haas (Hg.): Jacques Lacan - Schriften II, Weinheim und Berlin 1991, S. 189f.
(Quelle: walter-benjamin-bluemchen)
"Es gibt eine aktive, produktive – Text und Leser produzierende – Lektüre, sie bringt uns voran. Dann die passive Lektüre, die den Text verrät, indem sie sich ihm scheinbar unterwirft, indem sie die Illusion gewährt, der Text existiere objektiv, voll und ganz, souverän: einheitlich. Schließlich die nicht mehr passive, sondern lustlose, genußlose Lektüre aus Passivität, sie entginge sowohl dem Verstehen wie auch dem Begehren: sie ist wie das nächtliche Wachen, die ‘inspirierende’ Schlaflosigkeit, wo das ‘Sagen’ jenseits des Alles-ist-gesagt verstanden und das Zeugnis des letzten Zeugen sich bekunden würde."
- Maurice Blanchot: Die Schrift des Desasters, München 2005, S. 125.
"Eine Zigarette ist der Inbegriff eines vollendeten Genusses. Er ist köstlich, und er läßt einen unbefriedigt. Was kann man mehr verlangen?"
- Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray, Frankfurt am Main und Leipzig 2002, S. 111.