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Wonnegrausen

Ich hätt' so gern ein Mozartzöpfchen und den Tausendtod in der Zitationsmasturbation...

"Sie suchte etwas und er suchte etwas, wütend, Grimmassen schneidend, sich mit dem Kopf einbohrend in der Brust des andern suchten sie und ihre Umarmungen und ihre sich aufwerfenden Körper machten sie nicht vergessen, sondern erinnerten sie an die Pflicht zu suchen, wie Hunde verzweifelt am Boden scharren so scharrten sie an ihren Körpern und hilflos enttäuscht, um noch letztes Glück zu holen, fuhren manchmal ihre Zungen breit über des andern Gesicht."
- Franz Kafka: Das Schloss, in: Jürgen Born et al. (Hg.): Franz Kafka – Schriften Tagebücher. Kritische Ausgabe, Frankfurt am Main 1982, S. 75.
"Die messianische Welt ist die Welt allseitiger und integraler Aktualität. Erst in ihr gibt es Universalgeschichte. Was sich heute so bezeichnet, kann immer nur eine Sorte von Esperanto sein. Es kann ihr nichts entsprechen, eh die Verwirrung, die vom Turmbau zu Babel herrührt, geschlichtet ist. Sie setzt die Sprache voraus, in die jeder Text einer lebenden oder toten ungeschmälert zu übersetzen ist. Oder besser, sie ist diese Sprache selbst. Aber nicht als geschriebene sondern vielmehr als die festlich begangene. Dieses Fest ist gereinigt von aller Feier und kennt keine Festgesänge. Seine Sprache ist die Idee der Prosa selbst, die von allen Menschen verstanden wird wie die Sprache der Vögel von Sonntagskindern."
- Walter Benjamin: “Paralipomena zu den Thesen Über den Begriff der Geschichte”, in: Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser (Hg.): Walter Benjamin -  Gesammelte Schriften, Frankfurt am Main 1991, Band I.3, S. 1239.

(Quelle: lf)

"Man könnte das Denken der Dekonstruktion als ein Freisetzen des Übermäßigen definieren, der Übertreibung, die jede Setzung, jedes geregelte Verhältnis zwischen einzelnen Setzungen und zwischen einzelnen Gegenständen im Ansatz schon aus den Angeln hebt. Das Über- zeigt hier auch das Maßlose, dem Maß gegenüber Heterogene an. Ist sie überhaupt etwas, so ist die Dekonstruktion wohl eine radikalisierte, allgemeine Aus-, Ver- und Entsetzung. Als Dekonstruktion eines Vorrangs der Synthesis und der Versammlung hält sie auch nicht vor jenem Setzen des ‘Ge-setzes’ inne, das Heidegger von der Position im Sinne der Repräsentation, des vorstellenden und ‘aussagenden’ Denkens, abhebt."
- Alexander Garcia Düttmann: Gewalt der Zerstörung. Übertreibung und Unendlichkeit, in: Ders.: Philosophie der Übertreibung, Frankfurt am Main 2004, S. 120.
"Der Messias wird erst kommen, wenn er nicht mehr nötig sein wird, er wird erst nach seiner Ankunft kommen, er wird nicht am letzten Tag kommen, sondern am allerletzten."
- Franz Kafka:”Oktavheft G”, in: Jost Schillemeit (Hg.): Franz Kafka - Nachgelassene Schriften und Fragmente II, Frankfurt am Main 2002, S. 56f.
"Die Angst des Einsamen, der zitiert, sucht Halt beim Geltenden. Sie hat in den expressionistischen Protokollen von den bürgerlichen Ausdruckstabus sich emanzipiert. Als Emanzipierte aber hindert nichts mehr sie daran, dem Stärkeren sich zu verschreiben. Die Position der absoluten Monade in der Kunst ist beides: Widerstand gegen die schlechte Vergesellschaftung und Bereitschaft zur schlechteren."
- Theodor W. Adorno: Philosophie der neuen Musik, in: Rolf Tiedemann (Hg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften, Darmstadt 1998, Band 12, S. 52.

Ganz kurz nur, erinnern.

Wie es ist, wenn ich gehe. Wie es war. Irgendwann dachte ich, dass ich dort hätte austrocknen wollen, wie dieser Einsiedlerkrebs, den ich im Hotelzimmer entdeckte.

Tauchend hatte ich Muscheln gefunden. Die ich auf dem Grund, ganz leicht, fand, von den Wellen bezärtelt, die Öffnungen so in sich gekehrt, wie kleine vaginale Verspielungen, die noch im Unbekannten treuten. Ich nahm sie heraus. Er kam mit. Brachte sie in mein Zimmer. Als ich den nächsten Morgen aufstand, ich teilte zum ersten Male das Zimmer mit einem Freund, da lag er dort. Die Scheren sehnsüchtig reckend, wie flehend, eingefallen die Stile der Augen, leicht dünstend das Salzige, das Fischigstickige. Nie habe ich mir mehr den Tod gewünscht, als in diesem Moment. »Aber es gibt doch noch tausend andere Einsiedlerkrebse, das ist doch gar nich so schlimm«. Gerade dies ließ die Krämpfe an den Augenrändern reißen, weil nichts mehr nachkommen wollte, weil es trocknete, weil es brandte.

Als Letzter in Marbchen bleiben. Kopfsteinpflasterschwer. Jeden Tag die Allee hochstreifen, die ich selten betrat, die Pferdetränke atmen, einmal den Abend die Gläser dort, auf den Terassen, im Sprechen den Anderen so verlieren, als wäre er doch so anwesend in seiner Abwesenheit, wie ich dort mich erblickte in umgreifender Entfremdung, so als wäre meine Stimme nicht länger mehr die meine, sondern spräche ich in Deinen Augen, einmal wieder, auf diesem Betonsteg vor den quappenden Wassern, nochmal Steine dort hinwerfen, wo die Worte nicht länger einschlagen wollten, kein Wort in den Spiegeln kreisend ziehen wollte, einmal noch die dampfende Ampelanlage, als der Bierdunst und die Scherbe aus ihr quoll, oder Mäusenester hinter Küchenschränken, Dein Lachen, dass mich in die angstbeleckte Blöße zog, dass ich hätte schreien können unter Kastanien, einmal dort noch das Knirschen Deiner Füße auf Blech, das gehetzte, glücksverlorene Sprinten und die Einkehr in die gülden dämmernde Bäckerei, als alles doch noch wach war, einmal dort noch mit Dir reden, als die Hypochondrie Dich auf die Bänke fällte, als Tränen alles zerstickten, was mich in das ruhelose Flanieren trieb, als Du meine Schritte verraten hast, Dich umgewendet hast, sagtest, dass Du Dich melden wolltest, aber es alles zu nah an Dir schlug, als wir uns zerschmetterten ob einer Silbe, eines Präfix, einer Wendung, die nicht die Deine sein wollte, was endlose Stürze, leere, des Verzeihens nach sich zog, als Du dort gesehen hast, eingerahmt von Monstera und Quader, rauchlos, Arroganz machte das Sperrholz glänzend, weil Licht auf Deine Füße fiel, weil Du mich nun dort hattest, wo ich zappelte, einmal noch dort liegen, Deine rote Decke, Sternzeichnungen, so verlierend nur in den Zügen auf diesen Schachbrettern vergifteter Erzählungen, einmal noch die Beckenwand einschlagen, in großen Stößen, Du dort, als ich es nicht länger konnte, nur den Schlag mit Dir, nie gewappnet der Schlünder der Reue, als Du trankst, trankst und getrunken warst, als Du es sagtest, als längst die zweite Nacht hinfort gesprungen war, als Du fragtest, ob der Lacan schon gelesen sei und ich in Nacktheit zum ersten Mal verneinen konnte, ohne dass der Klos, dieser elend große, alles unmöglich machte, die Vergiftung ausblieb, weil die Wunde durch uns ging, einmal bitte die Mantis religiosa auf Deinem Armrücken, so grazil, so ringend Deine Luft, einmal so bitte, lies mir Dein Lyrisches vor, was vermutlich im endlosen Aufschub des Ausredens nachtfaltergleich Staub um Staub seine Schönheit gewinnt, im endlosen Darübersprechen, dass dort etwas zwischen uns gebrochen ist, sich verloren hat, einmal noch Deinen Kaffeefleckspuren folgen, so als könnte ich den Spott und Verachtung diesmal herunterschlucken und Du nicht in der Trotzigkeit verbleiben, einmal noch bei ihr liegen, als Worte so wirklich, dass sie übergebraten wurden und ich schlagartig sie durch die Bilderreigen sah, als Deine Arme durch die Luft surrten, wir uns verloren haben in den Stimmen über den Bässen unserer Schädeldecken, als sie klingelten, irgendwann im Morgen und Du in das Bad geflüchtet bist und ich den schreienden Halbaffen abwehren musste, der unsere Dialoge immer ins Flüstern zwang, einmal doch von Deinen Selbsterzählungen an die Wand gedrückt werden, die Polster wie Bretter, Du im rauschend Dich verlieren, in dieser Panik, dieser Starrheit die Sätze schleudernd, die ich kaum vernehmen konnte, aber doch einmal noch mit Dir schweigen, magst Du nicht zu mir kommen und wir schweigen wieder, Woche um Woche, und wir lesen, Woche und Woche, und irgendwann verlässt einer das Haus und holt Fertigsushi und wir schweigen wieder, lachen kurz verstört, Du drehst Zigaretten, und wir schweigen wieder Woche um Woche? Ja, lass das Kommen. Lass es kommen. Es wird ja Zeit, wenn es Zeit wird. So Zeit, dass ich zurückfahre, einmal noch, ach, lass dieses Einmal in die Schleife. Nicht in die, die der Tod sein mag. Kein Einsiedlerkrebs ist dort gestorben, aber manchmal, wenn ich sein Gehäuse an mein Ort halte, dann höre ich dieses Rauschen.

"Ich bin an jenem Punkte angekommen, wo ich all mein Vertrauen auf den guten brechtschen Grundsatz setzen muß: Überwindung eines Übels durch Häufung desselben."
- Walter Benjamin: Brief an Gretel Karplus vom 19./20.4.1933, in: Christoph Gödde und Henri Lonitz (Hg.): Gretel Adorno - Walter Benjamin Briefwechsel 1930-1940, Frankfurt am Main 2005, S. 23.
"Kommunismus, Gemeinschaft: solche Termini sind wirkliche Termini, insofern die Geschichte, die grandiose Enttäuschung der Geschichte sie uns auf dem Hintergrund eines Desasters erkennen lassen, das weit über den Ruin hinausgeht.
Entehrte oder verratene Begriffe, das gibt es nicht, wohl aber Begriffe, die nicht ‘angemessen’ sind ohne ihre eigentliche oder uneigentliche Preisgabe (die nicht ihre schlichte Negation ist), und das erlaubt uns nicht, sie ruhig zurückzuweisen oder zu verwerfen. Was immer wir vorhaben, wir sind gerade durch ihre Zerrüttung an sie gebunden. Während ich das schreibe, lese ich die Zeilen von Edgar Morin, die viele von uns gutheißen können: “Der Kommunismus ist die wichtigste Frage und die entscheidende Erfahrung meines Lebens. Ich habe nicht aufgehört, mich in den Bestrebungen wiederzuerkennen, die er zum Ausdruck bringt, und ich glaube immer noch an die Möglichkeit einer anderen Gesellschaft und einer anderen Menschheit.”
Diese schlichte Behauptung mag naiv erscheinen, aber in ihrer Redlichkeit sagt sie uns etwas, dem wir uns nicht entziehen können: warum? was hat es mit der Möglichkeit auf sich, die stets auf die eine oder andere Weise in ihre Unmöglichkeit verwickelt ist?"
- Maurice Blanchot: Die uneingestehbare Gemeinschaft, Berlin 2007, S. 10.
"Nie findest du die Grenzen des Vergessens, wie weit du dein Vergessen auch treiben magst."
- Maurice Blanchot: Warten Vergessen, Frankfurt am Main 1964, S. 52.
"Nur mit Abscheu und Grauen denke ich an die Epoche, wo die finsteren Bilderstürmer zur Herrschaft gelangen werden; mit ihren schwieligen Händen werden sie ohne Erbarmen die Marmorsäulen der Schönheit zerbrechen, die meinem Herzen so teuer sind; sie werden all jenes phantastische Flitter- und Spielwerk der Kunst zerstören, das der Dichter so sehr liebte … die Nachtigallen, diese unnützen Sänger, werden verjagt werden, und, ach, mein Buch der Lieder wird dem Gewürzkrämer dienen, um daraus Tüten zu drehen, in die er Kaffee oder Tabak schütten wird für die alten Weiber der Zukunft. Ach, ich sehe dies alles voraus, und ich werde von unsagbarer Trauer ergriffen, wenn ich an den Untergang denke, mit dem das siegreiche Proletariat meine Verse bedroht, die mit der ganzen alten romantischen Welt untergehen werden. Und dennoch, ich gestehe es freimütig, übt dieser Kommunismus, der allen meinen Interessen und Neigungen so feindlich ist, auf meine Seele einen Zauber aus, dessen ich mich nicht erwehren kann; zwei Stimmen erheben sich zu seinen Gunsten in meiner Brust, zwei Stimmen, die sich nicht beschwichtigen lassen wollen und die im Grunde vielleicht nur diabolische Anreizungen sind, - aber wie dem auch sei, ich werde von ihnen beherrscht, und kein Bannwort kann sie bezwingen."
- Heinrich Heine zitiert nach Walter Benjamin: Vom Weltbürger zum Großbürger. Aus deutschen Schriften der Vergangenheit, in: Tillmann Rexroth (Hg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Frankfurt am Main 1991, Band IV.2, S. 857.
"Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren. Sie sollte statt dessen auf die schlechte Gleichheit heute, die Identität der Film- mit den Waffeninteressenten deuten, den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann."
- Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, in: Tiedemann u.a. (Hg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften Bd. 4. Frankfurt am Main 2003, S. 114 (walter-benjamin-bluemchen).
"Psychoanalyse ist der Weg des Symptoms, ist nicht der Weg der Abschaffung des Symptoms, sondern der Metamorphosen und der Umbildung und Umwandlungen symptomatischen Geschehens. Ist eben der Weg, […], wie man aus neurotischem Elend alltägliches Leid macht. Und wenn einem das gelingt in der Psychoanalyse, dann ist einem viel gelungen, wenn jemand bereit ist, das alltägliche Leid zu tragen. Und auch befreit ist von etwas. Von neurotischem Elend."
- Norbert Haas zitiert nach Svenja Flaßpöhler: “Ich amüsiere mich bei nichts anderem” - Zum Verhältnis von Arbeit und Lust bei Sigmund Freud, in: Freie Assoziation. Zeitschrift für das Unbewusste in Organisation und Kultur, 10 Jh., Heft 1/2007, S. 79.
“Das ist vielleicht für den Menschen die tiefste Verletzung im Körper seiner Geschichte, die tiefste Verletzung auch in der Geschichte seines Begriffs, traumatisierender noch als die ‘psychologische’ Kränkung, die ihm durch die Psychoanalyse zugefügt wurde, die letzte und in den Augen Freuds schwerste der drei Kränkungen. Denn der geführte Schlag, der rätselhafterweise den Namen Marx trägt - wir wissen, daß er auch die drei anderen in sich akkumuliert und versammelt.”
Jacques Derrida: Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale, Frankfurt am Main 2004, S. 138.

“Das ist vielleicht für den Menschen die tiefste Verletzung im Körper seiner Geschichte, die tiefste Verletzung auch in der Geschichte seines Begriffs, traumatisierender noch als die ‘psychologische’ Kränkung, die ihm durch die Psychoanalyse zugefügt wurde, die letzte und in den Augen Freuds schwerste der drei Kränkungen. Denn der geführte Schlag, der rätselhafterweise den Namen Marx trägt - wir wissen, daß er auch die drei anderen in sich akkumuliert und versammelt.”

Jacques Derrida: Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale, Frankfurt am Main 2004, S. 138.