"Seine Autobiographie zu schreiben, sei es, um sich zu bekennen, sei es, um sich zu analysieren, sei es, um sich den Blicken aller, in Form eines Kunstwerks, auszusetzen, das ist vielleicht ein Versuch zu überleben, aber durch einen andauernden Selbstmord – ein vollständiger Tod, sofern fragmentarisch."
- Maurice Blanchot: Die Schrift des Desasters, München 2005, S. 83.
"Ich habe leidlich Mühe, eine Regung der Schamhaftigkeit zu unterdrücken. Leidlich Mühe, in mir einen Protest gegen die Unschicklichkeit zum Schweigen zu bringen. Gegen die Ungehörigkeit, die darin bestehen kann, sich nackt, mit exponiertem Geschlecht, splitterfasernackt vor einer Katze wiederzufinden, die einen anblickt, ohne sich zu regen, just um zu sehen. Ungehörigkeit dieses Tiers, das nackt vor dem anderen Tier steht, von nun an würde man sagen eine Art Ungehörigkeit gegenüber dem Tier: die einzigartige und unvergleichliche Urerfahrung dieser Ungehörigkeit, die darin bestünde, vor dem insistierenden Blick des Tiers, einem wohlwollenden oder erbarmungslosen, erstaunten oder (an)erkennenden Blick, in Wahrheit nackt zu erscheinen. Dem Blick eines Sehers, eines Visionärs oder eines hellseherischen Blinden. Es ist als ob ich mich nun, nackt vor der Katze, schämen würde, aber auch schämen dafür, daß ich mich schäme. Reflexion der Scham, Spiegel der Scham, die sich ihrer selbst schämt, einer Scham, die spiegelhaft, nicht zu rechtfertigen und uneingestehbar zugleich ist."
- Jacques Derrida: Das Tier, das ich also bin, Wien 2010, S. 20f.
"Das unaufhörlich schwätzende Hirn mit seiner Dauerbeschallung ›Ich kann nicht, ich kann nicht, ich habe Angst, ich schaffe es nicht‹ war sauber in Lauge aufgelöst und in Fetzen aus den Nasenlöchern hinausbefördert worden, ähnlich wie Rotz, ebenso unnütz und ekelerregend. […] Keine ihrer Kommilitoninnen ahnte, daß Judith vor jedem Referat nächtelang nicht schlafen konnte, daß sie weinend unter ihrem Schreibtisch saß und nichts aß, daß sie jeden Beitrag vor einer größeren Gruppe erst niederschreiben und auswendig lernen mußte, bis sie wagte, sich zu äußern."
- Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage, Frankfurt am Main 2009, S. 10f.
"Man darf nichts so suchen, als ob man verzweifelte, wenn man es nicht fände. Man muß das Suchen an sich nehmen."
- Ilse Aichinger:
Kleist, Moos, Fasane, Frankfurt am Main 1991, S. 51.
(Quelle: realismousse)
"In meinen Augen verkörperte die Mutter alle Traurigkeit und Zwanghaftigkeit meines Lebens, mit jener Mischung aus Vagheit und Präzision, welche gewisse allegorische Figuren kennzeichnet. Mit anderen Worten: tagelang war sie einfach meine Mutter, eine kleine, vor der Zeit gealterte Frau, und dann machte sie plötzlich, ohne daß sie es merkte, eine Geste, die für meinen ganzen Jammer stand. Zwischen ihr und den kleinen engen Zimmern, die wir bewohnten, stellte sich eine Beziehung ein wie zwischen Körper und Seele. Wenn sie außer Haus war, folgte mir ihr Schatten von Raum zu Raum und verdarb mir das Alleinsein."
- Julien Green: Der andere Schlaf, München – Wien 1988, S. 54.
"Welche Leere lockt mich? Nach dem Namen und dem Gesetz, nach dem Zeichen und der Asche, ah! von all den Leeren, meine Stimme?
…wenn das Auge hörbar wird und die Stimme klingender Blick."
- Edmond Jabès: Es nimmt seinen Lauf, Frankfurt am Main 1981, S. 66.
"Sie kam durch seltsame Totenstädte, wo sie statt versteinerter Formen und mumifizierter Tatsachen eine Nekropole von Bewegungen, Schweigen, Leerräumen fand; sie stieß auf die außerordentliche Klanglichkeit des Nichts, die aus dem Gegenteil des Klangs besteht, und vor ihr breiteten sich wundervolle Stürze aus, der Schlaf ohne Traum, die Ohnmacht, die die Toten begräbt in einem Leben aus Traum, der Tod, durch welchen jedermann, selbst der schwächste Geist, zum Geist selber wird."
- Maurice Blanchot: Thomas der Dunkle, Basel und Weil am Rhein 2007, S. 55.
"Mein Leib verspürte in dem ihren seine eigene Wärme und drängte zu ihr, ich wachte auf. Die übrige Menschheit war mir dann ferngerückt zu dieser Frau, die ich vor Sekunden erst verlassen hatte; meine Wange war noch warm von ihrem Kuß, mein Leib von ihrem Gewicht zerschlagen."
- Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, In Swanns Welt, Erster Teil Combray, Werkausgabe, Band 1, Frankfurt am Main 1976, S.11.
(Quelle: nokturn, via abendgesellschaft)
"Er hatte seit Toulouse ganz schön abgenommen, und außerdem war jetzt etwas sozusagen ins Gesicht geklettert, das mir an ihm neu war, so was wie ein Porträt, direkt auf seinen Gesichtszügen, dazu schon mit etwas Vergessenheit, mit Schweigen ringsum."
- Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht, Reinbek bei Hamburg 2003, S. 588.
"Dies Bewußtsein hat nämlich nicht um dieses oder jenes, noch für diesen oder jenen Augenblick Angst gehabt, sondern um sein ganzes Wesen; denn es hat die Furcht des Todes, des absoluten Herrn, empfunden. Es ist darin innerlich aufgelöst worden, hat durchaus in sich selbst erzittert, und alles Fixe hat in ihm gebebt. Diese reine allgemeine Bewegung, das absolute Flüssigwerden alles Bestehens ist aber das einfache Wesen des Selbstbewußtseins, die absolute Negativität, das reine Für-sich-sein, das hiemit an diesem Bewußtsein ist."
- Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes, in: Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel (Hg.): G.W.F. Hegel - Werke, Band 3, Frankfurt am Main 1986, S. 153.
(Quelle: zartcore, via theimpossibleheap)
"Man darf die Toten nicht zu sehr allein lassen."
- Sibylle Lacan: Ein Vater. Puzzle, Frankfurt am Main 2001, S. 61.
"Ich sah mich sehr sicher voranschreiten und mich mit der lässigen Bewegung zu Eddas Füßen auf das Bett setzen, auf dem sie lag. Meine tatsächliche Person blieb jedoch wie ein kaputter und unbrauchbarer Anhänger hinter diesen schönen Vorstellungen zurück.
Edda bat mich, Platz zu nehmen. Und ich setzte mich in großem Abstand von ihr auf einen Stuhl."
- M. Blecher: Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit, Frankfurt am Main2003, S. 122f.
"Eine endgültige Perspektive auf die Mode ergibt sich nur aus der Betrachtung, wie jeder Generation die gerade verflossene als das gründlichste Antiaphrodisiacum erscheint, das nur denkbar ist. Mit diesem Urteil hat sie nicht so durchaus Unrecht, wie man annehmen könnte. Es ist in jeder Mode etwas von bitterer Satire auf Liebe, in jeder sind alle sexuellen Perversitäten aufs mitleidloseste angelegt, jede ist von geheimen Widerständen gegen Liebe erfüllt."
- Walter Benjamin: Das Passagen-Werk, in: Rolf Tiedemann (Hg.): Walter Benjamin – Gesammelte Schriften, Frankfurt am Main 1991, Band V.1, S. 113.
"Die Weise des Anderen sich darzustellen, indem er die Idee des Anderen in mir überschreitet, nennen wir nun Antlitz. Diese Weise besteht nicht darin, vor meinem Blick als Thema aufzutreten, sich als ein Ganzes von Qualitäten, in denen sich ein Bild gestaltet, auszubreiten. In jedem Augenblick zerstört und überflutet das Antlitz des Anderen das plastische Bild, das er mir hinterläßt, überschreitet er die Idee, die nach meinem Maß und nach dem Maß ihres ideatum ist - die adäquate Idee."
- Emmanuel Lévinas: Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität, Freiburg – München 1987, S. 63.
(Quelle: lf)
"Ich ist das Denken als Denkendes. Was ich in meinem Bewußtsein habe, das ist für mich. Ich ist diese Leere, das Rezeptakulum für alles und jedes, für welches alles ist und welches alles in sich aufbewahrt. Jeder Mensch ist eine ganze Welt von Vorstellungen, welche in der Nacht des Ich begraben sind."
- Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse, in: Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel (Hg.): Georg Wilhelm Friedrich Hegel - Werke, Frankfurt am Main 1970, Band 8, S. 83.