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Wonnegrausen

Ich hätt' so gern ein Mozartzöpfchen und den Tausendtod in der Zitationsmasturbation...

"Doch diese Frage stellt sich in Begriffen, die es Anfang des 20. Jahrhunderts nicht geben konnte: mehr als man selbst (bis wohin?) oder ein anderer als man selbst (wer?) sein. Das ist eine Sprache, die wir alle gut kennen: die Sprache der Droge."
- Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart, Frankfurt am Main 2008, S. 282.
Edle Künstler_innen MDCLIX: Nicolas Poussin - Massacre of the Innocents, 1628f.

Edle Künstler_innen MDCLIX: Nicolas Poussin - Massacre of the Innocents, 1628f.

(Quelle: benconradart)

"Die Reden und Rufe bilden ein unverständliches Stimmengewirr, aus dem allerdings auch einzelne Worte oder Sätze auftauchen können, die für den Fortgang der Handlung entscheidend sind. Um richtig zu lesen, mußt du den Faktor Stimmengewirr ebenso registrieren wie den Faktor verborgene Absicht, den du freilich noch nicht erfassen kannst (ich auch nicht). Also mußt du beim Lesen zugleich zerstreut und höchst aufmerksam sein, genau wie ich, der ich jetzt gedankenverloren die Ohren spitze, den Ellbogen auf den Tresen gestützt und die Wange in die geballte Faust. Und wenn der Roman jetzt allmählich aus seiner diesigen Ungewißheit heraustritt, um ein paar Einzelheiten über das Äußere der Personen mitzuteilen, will er dir das Gefühl von Gesichtern vermitteln, die du zum erstenmal siehst, aber doch schon tausendmal gesehen zu haben meist."
- Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht, München 1983, S. 24.
"Das/der Andere, das erfindet sich nicht mehr.
– Was wollen Sie damit sagen? Daß das/der Andere nur eine Erfindung, die Erfindung des Anderen gewesen sein wird?
– Nein, daß das/der Andere dasjenige ist, was nie erfunden wird und nie auf Ihre Erfindung gewartet haben wird. Das/Der Andere ruft auf, zu kommen und das kommt/geschieht nur zu mehreren Stimmen."
- Jacques Derrida: Psyche. Erfindung des Anderen, Wien 2011, S. 83.
»Das Ding an sich in mir«.

»Das Ding an sich in mir«.

(Quelle: jordanmccurrach, via bessgarten)

"Seine Autobiographie zu schreiben, sei es, um sich zu bekennen, sei es, um sich zu analysieren, sei es, um sich den Blicken aller, in Form eines Kunstwerks, auszusetzen, das ist vielleicht ein Versuch zu überleben, aber durch einen andauernden Selbstmord – ein vollständiger Tod, sofern fragmentarisch."
- Maurice Blanchot: Die Schrift des Desasters, München 2005, S. 83.
"Ich habe leidlich Mühe, eine Regung der Schamhaftigkeit zu unterdrücken. Leidlich Mühe, in mir einen Protest gegen die Unschicklichkeit zum Schweigen zu bringen. Gegen die Ungehörigkeit, die darin bestehen kann, sich nackt, mit exponiertem Geschlecht, splitterfasernackt vor einer Katze wiederzufinden, die einen anblickt, ohne sich zu regen, just um zu sehen. Ungehörigkeit dieses Tiers, das nackt vor dem anderen Tier steht, von nun an würde man sagen eine Art Ungehörigkeit gegenüber dem Tier: die einzigartige und unvergleichliche Urerfahrung dieser Ungehörigkeit, die darin bestünde, vor dem insistierenden Blick des Tiers, einem wohlwollenden oder erbarmungslosen, erstaunten oder (an)erkennenden Blick, in Wahrheit nackt zu erscheinen. Dem Blick eines Sehers, eines Visionärs oder eines hellseherischen Blinden. Es ist als ob ich mich nun, nackt vor der Katze, schämen würde, aber auch schämen dafür, daß ich mich schäme. Reflexion der Scham, Spiegel der Scham, die sich ihrer selbst schämt, einer Scham, die spiegelhaft, nicht zu rechtfertigen und uneingestehbar zugleich ist."
- Jacques Derrida: Das Tier, das ich also bin, Wien 2010, S. 20f.
"Versuche, durch Rückwärtsfahren wieder festen Boden zu gewinnen, hatten die Räder noch tiefer in den Schlamm getrieben, […]. Der Ironie, mit der Frau Menzel das fahrtechnische Können ihres Mannes gelobt hatte, hätte es nicht bedurft, um die Stimmung zwischen den Eheleuten gereizt zu machen. Da aber beide auf Situationen dieser Art trainiert waren, hatte sich die Aggressivität in dem schrägliegenden Auto nur indirekt entladen, bei der Behandlung der Frage nämlich, wer mit seinem städtisch-feinen Schuhwerk den Wagen verlassen und durch Wasser und Schlamm nach dem drei Kilometer entfernten Schwedenow zurückgehen und Hilfe holen sollte."
- Günter de Bruyn: Märkische Forschungen. Erzählung für Freunde der Literaturgeschichte, Frankfurt am Main 1981, S. 8f.
"Die ewige Wiederkehr nennt die ewige Wiederkehr des Selben und die Wiederholung nennt die Abkehr, den Umweg, auf dem sich das andere mit dem Selben identifiziert, um zur Nichtidentität des Selben zu werden und das Selbe in seiner Wiederkehr, die es von sich abkehrt, immer anders als es selbst werden zu lassen. […] Und derart die Wiederholung unendlich wiederholend, macht sie sie gewissermaßen zur Parodie, aber entzieht sie auch all dem, was zu wiederholen die Macht hätte: denn sie nennt sie als nichtidentifizierbare, irrepräsentable, nicht wiedererkennbare Affirmation und legt sie zugleich in Trümmer, indem sie sie, als ein unbestimmtes Murmeln, im Schweigen wiederaufrichtet, das sie seinerseits zertrümmert, indem sie es als jene Rede zu verstehen gibt, welche aus der tiefsten Vergangenheit, aus der entferntesten Zukunft immer schon als die immer noch zu kommende Rede gesprochen hat."
- Maurice Blanchot: Nietzsche und die fragmentarische Schrift, in: Werner Hamacher (Hg.): Nietzsche aus Frankreich, Frankfurt am Main – Berlin 1986, S. 59.
Edle Künstler_innen MDCLXIII: Carlo Crivelli –  Die Verkündigung mit dem heiligen Emidius, 1486.

Edle Künstler_innen MDCLXIII: Carlo Crivelli –  Die Verkündigung mit dem heiligen Emidius, 1486.

(Quelle: chewmark, via areashape)

"Die Freundschaft ist keine Gabe, kein Versprechen, keine die Gattung auszeichnende Freigebigkeit, keine generische Generosität. Inkommensurable Beziehung des einen zum anderen, ist sie die wiederhergestellte Beziehung zum Draußen in seiner Unzulänglichkeit, Beziehung als Bruch. Das Begehren, reines unreines Begehren, ist der Aufruf zur Überschreitung des Abstands, der Aufruf, durch die Trennung miteinander zu sterben."
- Jacques Derrida zit. nach ders.: Politik der Freundschaft, Frankfurt am Main 2002, S. 396.
“Totgespielt”.

“Totgespielt”.

(via abendgesellschaft)

"Sie kam durch seltsame Totenstädte, wo sie statt versteinerter Formen und mumifizierter Tatsachen eine Nekropole von Bewegungen, Schweigen, Leerräumen fand; sie stieß auf die außerordentliche Klanglichkeit des Nichts, die aus dem Gegenteil des Klangs besteht, und vor ihr breiteten sich wundervolle Stürze aus, der Schlaf ohne Traum, die Ohnmacht, die die Toten begräbt in einem Leben aus Traum, der Tod, durch welchen jedermann, selbst der schwächste Geist, zum Geist selber wird."
- Maurice Blanchot: Thomas der Dunkle, Basel und Weil am Rhein 2007, S. 55.
"Paradox genug liegt es an diesem Übergreifen des Performativen […], an diesem stets übermäßigen Vorstoß und Vorsprung der Deutung, an dieser Dringlichkeit und dieser Überstürzung, die der Gerechtigkeit strukturell eignen, dass sie keinen (regulativen oder messianischen) Erwartungshorizont kennt. Gerade deshalb steht ihr vielleicht eine Zukunft (to-come) offen, kommt sie vielleicht auf uns zu; diese Zu-kunft, dieses Zu-Kommen und jene Zukunft, welche die Gegenwart stets zu reproduzieren vermag, halte ich strikt auseinander. Die Gerechtigkeit bleibt im Kommen, sie muss noch kommen, sie hat, sie ist Zu-kunft, sie ist die Dimension ausstehender Ereignisse, deren Kommen irreduktibel ist. Die Zu-kunft wird immer die ihre (gewesen) sein."
- Jacques Derrida: Gesetzeskraft: Der »mystische Grund« der Autorität, Frankfurt am Main 1991, S. 56.
"Einstmals, in der Jugend, sagte er, habe er geschrieben, als ob sein Unbewußtes Flöte spiele. Aber dann hätten aus den Hohlräumen der Welt plötzlich die Töne zurückgeschlagen auf sein inneres Ohr, und er sei aus dem Takt geraten."
- Jürg Amann: Verirren oder das plötzliche Schweigen des Robert Walser, Frankfurt am Main 1983, S. 59f. 

(Quelle: abendgesellschaft)