"Um verstehen zu können, habe ich mich zerstört. Verstehen heißt das Lieben vergessen. Ich kenne nichts, was gleichzeitig falscher und bedeutungsvoller wäre als der Anspruch Leonardo da Vincis, wonach man etwas nur lieben oder hassen kann, nachdem man es verstanden hat.
Die Einsamkeit verwüstet mich; die Geselligkeit bedrückt mich. Die Gegenwart einer anderen Person wirft meine Gedanken aus der Bahn; ich träume von ihrer Gegenwart mit einer besonderen Zerstreutheit, die meine analytische Aufmerksamkeit nicht zu definieren mag."
Edle Denker LXXVII: Ferdinand Pessoa.
(via basava)
"Ich bin zu einem Buchwesen geworden, zu einem gelesenen Leben. Was ich fühle, wird, ohne daß ich das wollte, gefühlt, damit aufgeschrieben werden kann, daß es gefühlt worden ist. Was ich denke, steht sogleich in Worten da, untermischt mit Bildern, die es zerstören, ausgebreitet in Rhythmen, die etwas anderes sind. Über der Mühsal, mich selber wieder zusammenzusetzen, habe ich mich zerstört. Über so vielem Mich-Überdenken bin ich schon meine Gedanken geworden, aber nicht ich selbst. Ich wollte mich erkunden und ließ die Sonde tief hinabsinken; ich lebe mit dem Gedanken, ob ich tief bin oder nicht, nunmehr ohne eine andere Sonde als den Blick, der mir, hell auf dunklem Grund, im Spiegel des tiefen Brunnens mein eigenes Gesicht zeigt, das mich betrachtet, so wie ich es betrachte."
- Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe, Frankfurt am Main 1988, S. 155.
Bei tobender Ungeduld und der Vereindeutigung des Gesprochenen durch das Abbrechen der Bezüglichkeiten: Maurice Blanchot - Warten und Vergessen.
Bei Melancholie im Senkflug und ihren Spreizungen gleich welcher Radierung, die selbst das Enden des Schnurrens der Katze (die im Übrigen die angemessenste Metaphorisierung der Metaphysik) zur Selbstanklage ob der Grobheit der Finger reizt (denn dort ist zu finden die Freundschaft der Einsamkeit): Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe.
Bei dem sicheren Wissen, dass der Wahnsinn sich in die Bedeutungen der eigenen Sätzen eingeschleicht, und die Selbstverachtung jäh ein betoniertes Fundament gewinnt, weil es doch immer nur selbst sprechen will: Edmond Jabès - Das Buch der Fragen.
Bei Aufgehen der eigenen Begrenztheit, im Wortspiel der Anderen nicht die Spitzen mehr zu sehen, sondern sie im eigenen Fleisch zu verspüren - und trotzdem einer Eloquenz anzuhängen, die genau diese schmerzenden Spitzen erwünscht: Rudolf Borchardt - Vereinigung durch den Feind hindurch.
Bei Wiedereinsetzen des Phobischen vor dem Berühren, dem Sich-Annähern, in erhöhten Dosen, gerne, unbedingt gerne laut vorgetragen: August Stramm - Warten.
Bei Feindlosigkeit der Wut, die sich irgendwann von der Dialektik des Vaginalen etwas abkupfern mag, lies mit leichtem Zögern und dem Einfühlen in die Masturbation: Peter Weiß - Abschied von den Eltern.
Bei Mattwerdung und zum fliegenden Durcharbeiten des Endens von etwas, lass es Dich doch aufschneiden, geh doch dorthin, wo auch mal ein Beilchen den Liebsten schlägt: Marcel Beyer - Menschenfleisch.
Und keine Bange: Die Dosierungen sind unentscheidbar, die Mengen so gewaltig, gewalttätig, dass sie nie wirklich überrollen können. Wer das alles lesen soll? Wie dies alles gelesen werden könnte? Wie könnte ich denn alles gelesen haben? Sei doch beglückt davon, dass Deine Lektüre nie an ein Ende kommen wird. So vieles, was Du nie lesen wirst, aber was dort west, was unendlich warten, was Dich immer schon vergessen hat, was nie an Dich denken wird, aber zu Dir sprechen, wenn etwas Endlichkeit den Anfang bereitet.
"Indem wir nichts ernst nehmen und unsere Empfindungen als die einzig gewisse Wirklichkeit betrachten, finden wir bei ihnen Zuflucht und erforschen wir große unbekannte Länder. Und wenn wir nicht nur Sorgfalt auf die ästhetische Betrachtung, sondern auch auf den Ausdruck ihrer Methoden und Ergebnisse verwenden, dann, weil die Prosa oder Verse, die wir schreiben, ohne fremdes Verständnisvermögen überzeugen oder fremden Willen bewegen zu wollen, nur wie das laute Vorsichhinsprechen eines Lesenden sind, dass dazu beiträgt, dem subjektiven Genuss der Lektüre volle Objektivität zu verschaffen."
- Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe, Zürich 2008, S. 14.
"Sich bewegen heißt leben, sich in Worte fassen heißt überleben."
- Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe, Zürich 2008, S. 35.
Edle Denker LXVII: Fernando Pessoa und Aleister Crowley, Schach in Lissabon 1930 spielend (batarde:witchwife).
Edle Denker XV: Fernando “Katze” Pessoa.
"In diesem Augenblick kommen mir so viele fundamentale Gedanken, so viele wahrhaft metaphysische Dinge möchte ich mitteilen, daß ich auf einmal müde werde und die Entscheidung fälle, nicht weiterzuschreiben, nicht weiterzudenken, sondern geschehen zu lassen, daß mir das Ausdrucksfieber Schlaf schenkt und ich mit geschlossenen Augen all das, was ich gesagt haben könnte, wie eine Katze streichele."
- Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe, Frankfurt am Main 1987, S. 295.
"Ich habe niemals den Selbstmord als Lösung betrachtet, weil ich das Leben aus Liebe zum Leben hasse."
- Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe, Frankfurt am Main 1987, S. 125.
"Mit den Mitmenschen zusammenzuleben ist eine Folter für mich. Und ich habe die Mitmenschen in mir. Selbst von ihnen entfernt bin ich zum Zusammenleben mit ihnen gezwungen. In meiner Einsamkeit umschließen mich Menschenmengen."
- Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe, Frankfurt am Main 1987, S. 92f.