"Das/der Andere, das erfindet sich nicht mehr.
– Was wollen Sie damit sagen? Daß das/der Andere nur eine Erfindung, die Erfindung des Anderen gewesen sein wird?
– Nein, daß das/der Andere dasjenige ist, was nie erfunden wird und nie auf Ihre Erfindung gewartet haben wird. Das/Der Andere ruft auf, zu kommen und das kommt/geschieht nur zu mehreren Stimmen."
- Jacques Derrida: Psyche. Erfindung des Anderen, Wien 2011, S. 83.
"Warnung vor der ästhetisierenden Begriffsmischung, die gegen die Kunst ebenso blind ist wie gegen die Philosophie und die uns aus solch hastig entzifferten Sätzen Nietzsches schließen lassen will, daß – da die Ära des Künstler-Philosophen von nun an eröffnet sei – die Strenge des Begriffs sich weniger unnachgiebig zeigen könne, was immer noch darauf hinausläuft, die Ordnung, der man sich entgegenzustellen glaubt, zu sichern, zu bestärken und unangetastet zu lassen; zum Beispiel die Philosophie, aber auch die Macht, die herrschenden Kräfte, ihre Gesetze, ihre Polizei – denen die Wahrheit zu sagen man sich wohl hüten muß."
- Jacques Derrida: Sporen. Die Stile Nietzsches, in: Werner Hamacher (Hg.): Nietzsche aus Frankreich, Frankfurt am Main 1986, S. 143.
"Ich habe leidlich Mühe, eine Regung der Schamhaftigkeit zu unterdrücken. Leidlich Mühe, in mir einen Protest gegen die Unschicklichkeit zum Schweigen zu bringen. Gegen die Ungehörigkeit, die darin bestehen kann, sich nackt, mit exponiertem Geschlecht, splitterfasernackt vor einer Katze wiederzufinden, die einen anblickt, ohne sich zu regen, just um zu sehen. Ungehörigkeit dieses Tiers, das nackt vor dem anderen Tier steht, von nun an würde man sagen eine Art Ungehörigkeit gegenüber dem Tier: die einzigartige und unvergleichliche Urerfahrung dieser Ungehörigkeit, die darin bestünde, vor dem insistierenden Blick des Tiers, einem wohlwollenden oder erbarmungslosen, erstaunten oder (an)erkennenden Blick, in Wahrheit nackt zu erscheinen. Dem Blick eines Sehers, eines Visionärs oder eines hellseherischen Blinden. Es ist als ob ich mich nun, nackt vor der Katze, schämen würde, aber auch schämen dafür, daß ich mich schäme. Reflexion der Scham, Spiegel der Scham, die sich ihrer selbst schämt, einer Scham, die spiegelhaft, nicht zu rechtfertigen und uneingestehbar zugleich ist."
- Jacques Derrida: Das Tier, das ich also bin, Wien 2010, S. 20f.
"Ich könnte nicht aus Freundschaft lieben, würde die Kraft dieses Liebens nicht an den Horizont jenes Todes heranreichen. Der Horizont ist die Grenze und die Abwesenheit der Grenze, das Verschwinden des Horizonts, die Grenze als Abwesenheit der Grenze. Ich könnte nicht aus Freundschaft lieben, ohne mich dazu verpflichten, ohne mich im voraus verpflichtet zu fühlen, den andren über den Tod – also über das Leben hinaus zu lieben. Im voraus, vor jedem Vertrag, fühle ich mich unwiderstehlich dazu hingerissen, den toten anderen zu lieben. Ich fühle mich so (hingerissen zu) lieben; so fühle ich mich (lieben)."
- Jacques Derrida: Politik der Freundschaft, Frankfurt am Main 2002, S. 33.
"Die Freundschaft ist keine Gabe, kein Versprechen, keine die Gattung auszeichnende Freigebigkeit, keine generische Generosität. Inkommensurable Beziehung des einen zum anderen, ist sie die wiederhergestellte Beziehung zum Draußen in seiner Unzulänglichkeit, Beziehung als Bruch. Das Begehren, reines unreines Begehren, ist der Aufruf zur Überschreitung des Abstands, der Aufruf, durch die Trennung miteinander zu sterben."
- Jacques Derrida zit. nach ders.: Politik der Freundschaft, Frankfurt am Main 2002, S. 396.
"Ich finde kein besseres Wort als Erfahrung; nämlich im Sinne einer Reise, die die Grenze passiert. Eine Erfahrung zwischen zwei Erfahrungen: einerseits die Überfahrt, die Odyssee mit oder ohne Nostalgie - Sie kennen vielleicht den Text von Adorno und Horkheimer, der von den Lotophagen und dem homerischen Nostos handelt-, eine Irrfahrt, von der man nicht mehr zurückkehren kann, so viele in einer bestimmten Etymologie verhüllten Möglichkeiten des Wortes ‘Erfahrung’, das man manchmal, wie auch den ‘Trip’, mit der Erfahrung der ‘Droge’ verbindet, die Beziehung zum Anderen und die Öffnung gegenüber der Welt im allgemeinen; und andererseits das organisierte Experiment, das Experimentelle als ‘organisierte Reise’. Was bedeutet dieses zwischen? Das Zwischen bedeutet vielleicht, daß die Erfahrung, auf die ich mich beziehe, das Denken dieser Erfahrung oder diese Erfahrung als Denken, sich noch nicht durch die herkömmliche Opposition wie beispielsweise Natur/Technik, Natur/Artefakt, Nicht-Arbeit/Arbeit, natürliche Erfahrung/künstliches Experiment und so weiter bestimmen läßt. Ich spreche also nicht nur von der Erfahrung mit Drogen oder der Erfahrung mit Nicht-Drogen (die in der Natur ebensowenig vorkommen wie Drogen, oder?), sondern von Erfahrungen, die qualitativ sehr differenziert sind – manchmal sogar für ein und dasselbe ‘Individuum’ –, und die man nicht beschreiben kann, ohne die Qualifikationen und Standpunkte zu vervielfachen. […] Dabei geht es um nichts weniger als um das Ich, das Bewusstsein, die Vernunft, die Freiheit, das verantwortliche Subjekt, die Entfremdung, den eigenen Körper und den Fremdkörper, die sexuelle Differenz, das Unbewusste, die Unterdrückung oder Verdrängung, die verschiedenen ‘Partien’ des Körpers, die Injektion, die Introjektion und die (orale oder nicht-orale) Einverleibung, die Beziehung zum Tod (die Trauer und Verinnerlichung), die Idealisierung, die Sublimierung, das Reale und das Gesetz, gut, ich höre auf…"
- Jacques Derrida: Die Rhetorik der Droge, in: Peter Engelmann (Hg.): Jacques Derrida - Auslassungpunkte. Gespräche, Wien1998, S. 255.
"Wenn es irgendetwas gibt, das sich als Romantik identifizieren läßt, so ist es auch allgemeine Wiederholung sämtlicher Falten, die in sich physis oder genos aufeinander beziehen, vereinen oder auch trennen, und zwar durch die Gattung hindurch, durch alle Gattungen der Gattung hindurch, durch das Gattungsgemisch, das “mehr als eine Gattung” ist, durch die Übersteigerung der Gattung, durch die Übersteigerung der Gattung mittels Selbstbezug, durch ihr Ausufern, und zugleich durch ihre allgemeine Konzentration und Auflösung."
- Jacques Derrida: Das Gesetz der Gattung, in: Peter Engelmann (Hg.): Jacques Derrida - Gestade, Wien 1994, S. 255.
"Die Trauer muß unmöglich sein. Die gelungene Trauer ist eine verfehlte Trauer. In der gelungenen Trauer inkorporiere ich den Toten, assimiliere ich ihn mir, versöhne ich mich mit dem Tod und verleugne ich infolgedessen den Tod und die Alterität des Anderen-als-Gestorbenen. Ich bin also untreu. Da, wo die von Trauer erfüllte Introjektion gelingt, annulliert die Trauer den Anderen. Ich nehme ihn auf mich, und infolgedessen verleugne oder begrenze ich seine unendliche Andersheit.
[…] Die Trauer schreibt mir sowohl die Notwendigkeit als auch die Unmöglichkeit der Trauer vor. Sie macht es mir zur Pflicht, den Anderen in mich hinzunehmen, ihn in mir leben zu lassen, ihn zu idealisieren, ihn zu verinnerlichen, aber auch, die Trauerarbeit nicht zum gelungenen Abschluß zu bringen: Der Andere muß der Andere bleiben. Er ist wirklich gegenwärtig tot, doch wenn ich ihn in mich als einen Teil von mir hineinnehme und wenn ich folglich diesen Tod des Anderen durch eine gelungene Trauerarbeit ‘narzissiere’, vernichte ich den Anderen, verringere oder leugne ich seinen Tod. Die Untreue beginnt da, zumindest setzt sie sich in dieser Weise fort und verschärft sich noch."
- Jacques Derrida zitiert nach Jacques Derrida & Elisabeth Roudinesco (Hg.): Woraus wird Morgen gemacht? Ein Dialog, Stuttgart 2006, S. 264.
"Es gibt Grenzen des Begriffs. Im Lateinischen oder im Französischen wie auch im Deutschen nennt Begriff die Geste des Ergreifens, es ist ein Erfassen. Die Dekonstruktion gilt als hyperbegrifflich, und gewiß ist sie es in Wirklichkeit auch; sie hat einen großen Verbrauch an Begriffen, die sie ebenso hervorbringt wie ererbt - allerdings nur bis zu dem Punkt, an dem eine gewisse denkende Schrift über das Ergreifen oder die begriffliche Beherrschung hinausgeht. Sie versucht daraufhin, die Grenze des Begriffs zu denken, sie hält sogar die Erfahrung dieses Hinausgehens aus; sie läßt es in ihrer Verliebtheit geschehen, über sich hinauszugehen. Es ist gleichsam eine Ekstase des Begriffs: Man genießt sie bis zur Entgrenzung."
- Jacques Derrida und Elisabeth Roudinesco: Woraus wird Morgen sein? Ein Dialog, Stuttgart 2006, S. 17.
"Dennoch geht es dabei um die Schrift, und was den Charakter des Plötzlichen hat, ist hier nicht der Übergang zur und die Erfindung der Schrift, sondern die Einführung einer bereits konstituierten Schrift. Es handelt sich um eine Übernahme, ja um eine künstliche Übernahme. Wie Lèvi-Strauss auch selbst sagt, ‘hatte sie ihr Symbol übernommen, während ihre Wirklichkeit ihnen fremd blieb’. Darüber hinaus weiß man, dass diese Unvermitteltheit überall auftaucht, wo es um die Ausbreitung oder um die Übertragung der Schrift geht. Es ist schlechthin unmöglich, von daher das Heraufkommen der Schrift richtig zu beurteilen, denn sie ging in den einzelnen Phasen ihres Entstehens sehr wohl mit mühseligem Lernen einher, entwickelte sich stätig und differenziert. Die rasche Übernahme setzt, wenn sie stattfindet, die vorgängige Anwesenheit von Strukturen voraus, die diese Übernahme ermöglichen."
- Jacques Derrida: Grammatologie, Frankfurt am Main 1974, S. 222.
"Was, um es kurz zu machen, bedeutet, dass die Gabe als Gabe nur möglich ist, wo sie unmöglich erscheint. Wenn die Gabe stattgefunden haben soll, darf sie nicht als solche in Erscheinung treten. So wird man aber nie wissen, ob sie stattgefunden hat. Nie wird jemand mit einem hinreichenden Grad an Sicherheit sagen können ‚Die Gabe hat stattgefunden‘ oder auch nur ‚Ich habe gegeben‘, ‚Ich habe empfangen‘. Wenn es sie überhaupt gibt, wenn sie überhaupt möglich ist, muss die Gabe also unmöglich erscheinen. ‚Geben‘ heißt also das Unmögliche tun. Das Ereignis der Gabe darf nicht gesagt werden können; sobald man es ausspricht, zerstört man es. Anders gesagt: Es ist die Unmöglichkeit des Ereignisses, die das Maß für seine Möglichkeit gibt. Die Gabe ist unmöglich, und nur als unmögliche kann sie möglich werden. Es gibt kein ereignishafteres Ereignis als eine Gabe, die den Tausch, den Gang der Geschichte, den Kreislauf der Ökonomie unterbricht. […] Es gibt keine Möglichkeit der Gabe, die sich nicht als etwas präsentiert, das sich nicht präsentiert; sie ist das Unmögliche selbst."
- Jacques Derrida: Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen, Berlin 2003, S. 28f.
(Quelle: walter-benjamin-bluemchen)
Anzustrebende Wohnorte XXII: Die Wüste in der Wüste.
(via hauntology)
Ich in der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft XIII: Der Traum vom Engels-Lenin-Mädchen ist endlich als ein Traum markiert, es spaltet sich und mehr Erbschaften werden es bestimmen. Es wird als Gespenst immer wieder kehren: Als Stasis der gesellschaftlichen Verhältnisse, als hemdsärmlige Burschen, die den Karren aus dem Dreck ziehen. Gespenster lehren die Furcht und die Heimsuchung, die auch immer die Angst der Geschlechter ist.
(via herrkeuner)