Hint: Use 'j' and 'k' keys
to move up and down

Wonnegrausen

Ich hätt' so gern ein Mozartzöpfchen und den Tausendtod in der Zitationsmasturbation...

"Seine Autobiographie zu schreiben, sei es, um sich zu bekennen, sei es, um sich zu analysieren, sei es, um sich den Blicken aller, in Form eines Kunstwerks, auszusetzen, das ist vielleicht ein Versuch zu überleben, aber durch einen andauernden Selbstmord – ein vollständiger Tod, sofern fragmentarisch."
- Maurice Blanchot: Die Schrift des Desasters, München 2005, S. 83.
"Meine Mutter machte wohl eine Bemerkung folgender Art: »Ob du eine bessere Stelle bekommst, hängt allein von dir ab.« In dem Moment überkam mich das schmerzliche Gefühl, dass wir beide logen. Nein, wir logen nicht, es war schlimmer. Ich sagte, was sein musste, war aber auf einmal dem Augenblick entrissen. Mir wurde klar, dass sich all dies schon eher hätte zutragen können, vor Jahrtausenden, als hätte sich die Zeit aufgetan und ich sei durch diese Bresche gefallen. Meine Mutter wurde mir geradezu unangenehm. Ich war verwirrt und begriff zugleich besser, warum sie sich so reserviert gab, warum ich vor Jahren den Kontakt zu ihr abgebrochen hatte, warum … Es rührte von damals her. Meine Mutter war nun jemand von früher, eine monumentale Person, die mich zu vollkommen wahnwitzigen Dingen anstiften konnte. Das war die Familie. Die Erinnerung an eine Zeit vor dem Gesetz, ein Schrei, rohe Worte, die aus der Vergangenheit stammten."
- Maurice Blanchot: Der Allerhöchste, Berlin: Matthes & Seitz 2011, S. 11f.

(Quelle: abendgesellschaft)

"Die ewige Wiederkehr nennt die ewige Wiederkehr des Selben und die Wiederholung nennt die Abkehr, den Umweg, auf dem sich das andere mit dem Selben identifiziert, um zur Nichtidentität des Selben zu werden und das Selbe in seiner Wiederkehr, die es von sich abkehrt, immer anders als es selbst werden zu lassen. […] Und derart die Wiederholung unendlich wiederholend, macht sie sie gewissermaßen zur Parodie, aber entzieht sie auch all dem, was zu wiederholen die Macht hätte: denn sie nennt sie als nichtidentifizierbare, irrepräsentable, nicht wiedererkennbare Affirmation und legt sie zugleich in Trümmer, indem sie sie, als ein unbestimmtes Murmeln, im Schweigen wiederaufrichtet, das sie seinerseits zertrümmert, indem sie es als jene Rede zu verstehen gibt, welche aus der tiefsten Vergangenheit, aus der entferntesten Zukunft immer schon als die immer noch zu kommende Rede gesprochen hat."
- Maurice Blanchot: Nietzsche und die fragmentarische Schrift, in: Werner Hamacher (Hg.): Nietzsche aus Frankreich, Frankfurt am Main – Berlin 1986, S. 59.
"Sie lag ganz in sich: Im Tod schäumte sie vor Leben über. Sie sah gewichtiger, selbstgewisser aus."
- Maurice Blanchot: Thomas der Dunkle, Basel und Weil am Rhein 2007, S. 84.
"Die Gemeinschaft der Liebenden, ob sie es wollen oder nicht, ob sie es genießen oder nicht, ob sie verbunden sind durch Zufall, durch »Amour fou« oder durch Todesleidenschaft (Kleist), hat zu ihrem wesentlichen Ziel die Zerstörung der Gesellschaft. Dort, wo sich eine vorübergehende Gemeinschaft zwischen zwei Wesen bildet, die füreinander geschaffen sind oder nicht, baut sich eine Kriegsmaschine auf, oder besser gesagt, die Möglichkeit des Desasters, das, wenn auch nur in infinitesimaler Dosis, die Drohung einer universellen Vernichtung in sich trägt."
- Maurice Blanchot: Die uneingestehbare Gemeinschaft, Berlin 2007, S. 84.
"Kommunismus, Gemeinschaft: solche Termini sind wirklich Termini, insofern die Geschichte, die grandiosen Enttäuschungen der Geschichte sie uns auf dem Hintergrund eines Desasters erkennen lassen, das weit über den Ruin hinausgeht.
Entehrte oder verratene Begriffe, das gibt es nicht, wohl aber Begriffe, die nicht »angemessen« sind ohne ihre eigentliche oder uneigentliche Preisgabe (die nicht ihre schlichte Negation ist), und das erlaubt uns nicht, sie ruhig zurückzuweisen oder zu verwerfen. Was immer wir vorhaben, wir sind gerade durch ihre Zerrüttung ans sie gebunden."
- Maurice Blanchot: Die uneingestehbare Gemeinschaft, Berlin 2007, S. 10.
"Aber gerade im Unglück ist der Mensch immer bereits verschwunden: die Eigenart des Unglücks besteht darin, daß es niemanden mehr gibt, der es verursacht oder erleiden könnte; äußerstenfalls gibt es niemals einen Unglücklichen, er erscheint nicht wirklich, er hat keine andere Identität mehr als seine Lage, von der er sich nicht mehr unterscheidet und die ihn niemals er selbst sein läßt, weil sie, als Unglückslage, unaufhörlich bestrebt ist, sich abzusetzen, sich in der Leere eines Nirgendwo ohne Grundlage aufzulösen."
- Maurice Blanchot: Das Menschengeschlecht, in: Ders.: Das Unzerstörbare. Ein unendliches Gespräch über Sprache, Literatur und Existenz, München 1991, S. 197.
"Sie kam durch seltsame Totenstädte, wo sie statt versteinerter Formen und mumifizierter Tatsachen eine Nekropole von Bewegungen, Schweigen, Leerräumen fand; sie stieß auf die außerordentliche Klanglichkeit des Nichts, die aus dem Gegenteil des Klangs besteht, und vor ihr breiteten sich wundervolle Stürze aus, der Schlaf ohne Traum, die Ohnmacht, die die Toten begräbt in einem Leben aus Traum, der Tod, durch welchen jedermann, selbst der schwächste Geist, zum Geist selber wird."
- Maurice Blanchot: Thomas der Dunkle, Basel und Weil am Rhein 2007, S. 55.
"Wenn das Vergessen dem Gedächtnis vorausgeht, es vielleicht gründet oder an ihm unbeteiligt ist, dann ist Vergessen nicht nur ein Mangel, ein Fehl, eine Abwesenheit, eine Leere (etwas, von dem aus wir uns erinnern, das aber im gleichen Augenblick, vorausfallender Schatten, die Erinnerung ihrer Möglichkeit nach tilgt und so das Eingedenken seiner Brüchigkeit, das Gedächtnis dem Gedächtnisverlust überlässt): das weder negative noch positive Vergessen ist vielleicht die passive Forderung, die das Vergangene weder aufnimmt noch entzieht, sondern, indem es an ihm das bezeichnet, was nie stattgefunden hat (wie am Kommenden das, was keinen Platz in einer Gegenwart finden kann), auf nicht historische Formen der Zeit verweist, auf das Andere der Zeiten, auf ihre ewige oder ewig vorläufige Unentschiedenheit, ohne Schicksal, ohne Gegenwart."
- Maurice Blanchot: Die Schrift des Desasters, München 2005, S. 106f.
"Wenn die sogenannte Krebszelle, die sich unendlich reproduziert, ewig ist, denkt derjenige, der daran stirbt, und das ist die Ironie seines Todes: ‘Ich sterbe an meiner Ewigkeit’."
- Maurice Blanchot: Die Schrift des Desasters, München 2005, S. 109.
"Du musst vorsichtig sein: ein Gesicht wie dies! Gesetzlos, so scheint es, doch ist es gleichsam fixiert auf einen besonderen Punkt dieser Örtlichkeit, einen Punkt, den es sichtbar machen würde, stieße dein Wunsch, es zu sehen, nicht alles andre zurück.
Die Gedanken der Nacht, immer strahlender, unpersönlicher, schmerzenreicher. Schmerz unablässig und Freude, unendlich, und zu gleicher Zeit diese Stille."
- Maurice Blanchot: Warten Vergessen, Frankfurt am Main 1964, S.29.

(Quelle: nokturn)

"′Was ist das Menschengehirn anderes als ein ungeheures natürliches Palimpsest? Mein Gehirn ist ein Palimpsest, und das deinige, lieber ebenfalls, lieber Leser. Unzählige Schichten von Gedanken, Bildern, Gefühlen haben sich unmerklich wie das Licht, nach und nach in deinem Gehirn abgelagert. Jede neue Schicht schien die vorhergehende zu begraben. In Wahrheit aber ging keine zugrunde.′ Dennoch, zwischen dem Palimpsest, auf welchem, eines über dem andern, eine griechische Tragödie, eine Mönchslegende und ein Ritterroman geschrieben wurden, und dem von Gott erschaffenen göttlichen Palimpsest, das unser unermeßliches Gedächtnis darstellt, besteht dieser Unterschied, daß auf dem ersten eine Art phantastisches, groteskes Chaos herrscht, ein Gegen- und Durcheinander von heterogenen Elementen; während bei dem zweiten das vorherrschende Temperament notwendigerweise einen Zusammenklang zwischen den widerstreitendsten Elementen stiftet. Ein Leben mag noch so sehr jedes Zusammenhangs entbehren, die Einheit des Menschen wird dadurch nicht gestört. Könnte man jedes Echo der Erinnerung gleichzeitig mit allen anderen heraufrufen, sie würden zusammen ein Konzert bilden, ein angenehmes oder ein schmerzhaftes, jedenfalls ein logisches und ohne Dissonanzen. Von einem plötzlichen Unfall überrascht, vom Wasser jäh erstickt und in Todesgefahr, haben Menschen oft das ganze Theater ihres vergangenen Lebens sich erhellen gesehen. Die Zeit war vernichtet, und einige Sekunden hatten genügt, eine Fülle von Gefühlen und Bildern, die Jahren gleichkam, zu enthalten. Das Seltsamste an dieser Erfahrung, die der Zufall, mehr als einmal hervorgerufen hat, ist nicht die Gleichzeitigkeit so vieler Erlebnisse, die nacheinander stattgefunden hatten, sondern das Wiedererscheinen alles dessen, von dem der Mensch selber nicht mehr wußte, das er jedoch genötigt war als ihm eigentümlich wiederzuerkennen. Das Vergessen ist also nur eine Sache des Augenblicks; und bei solchen feierlichen Anlässen, im Tode vielleicht, und gewöhnlich in den Zuständen hoher Erregtheit, wie das Opium hervorruft, entrollt das ganze ungeheure und schwer zu entziffernde Palimpsest des Gedächtnisses sich auf einen Schlag, mit all seinen überlagernden Schichten erstorbener Gefühle, die dort geheimnisvoll einbalsamiert liegen in dem, was wir Vergessen nennen."
-

Charles Baudelaire: Das Palimpsest, in: Friedrich Kemp (Hg. u.a.): Charles Baudelaire - Sämtliche Werke/Briefe in acht Bänden, München - Wien 1989, Band 6, S.174 f.

(Quelle: noxe)

"Schreiben und Verlust; doch der Verlust ohne Gabe (eine Gabe ohne Gegengabe) läuft immer Gefahr, ein befriedender Verlust zu sein, der Sicherheit bringt. Deshalb gibt es zweifellos keine Sprache der Liebe, außer der Liebe in ihrer Abwesenheit, “gelebt” im Verlust, im Altern, das heißt im Tod."
- Maurice Blanchot: Die Schrift des Desasters, München 2005, S. 148f.
"‘Sind wir zusammen?’ ‘Nur beinahe, nicht wahr? Ganz nur, wenn wir getrennt sein könnten.’"
- Maurice Blanchot: Warten und Vergessen, Frankfurt am Main , S. 32.
"Er sucht und kreist dabei wieder und wieder um dieses Wort in der Mitte und weiß, daß Finden immer noch Suchen ist, nur auf die Mitte bezogen, die selber unfindbar bleibt. Die Mitte erlaubt zu finden und zu kreisen, aber läßt sich selber nicht finden. Die Mitte als Mitte ist immer heil.
Kreisend um ihre Anwesenheit, der er nur so begegnen konnte, auf diesem Umweg, in dieser Abkehr.
Das Auge-in-Auge mit ihrer Anwesenheit (die immer sich abkehrt)."
- Maurice Blanchot: Warten und Vergessen, Frankfurt am Main 1964, S. 99f.