Das Wonnegrausen

Ein Journal für den Jungspundhegelianismus après la lettre

"Mit anderen Worten also: die Reflexion auf den Prozeß der Abstraktion gewinnt in der Aristotelischen Erwägung über das Allgemeine schon sehr viel mehr Kraft, als sie bei Platon besessen hat, geht aber doch nicht so weit, daß die Allgemeinbegriffe nun als reine Abstraktionen aufgefaßt würden; sondern die Schwierigkeit und, wenn ich so sagen darf, die Pointe der Aristotelischen “Metaphysik” ist vielmehr gerade dies, daß man auf der einen Seite zwar das Allgemeine nicht unabhängig von dem soll denken können, worin es sich konkretisiert, daß es aber auf der anderen Seite doch auch nicht gegenüber den darunter befaßten Besonderungen eine bloße Abstraktion sei. Ich glaube, wenn Sie sich diese Zuspitzung des Problems vergegenwärtigen, dann wird es Ihnen möglich sein, die Schwierigkeiten dieser Theorie von vornherein zu bewältigen. Man wird ja im allgemeinen mit Schwierigkeiten dann fertig, wenn man ihnen ins Auge sieht. Und Aristoteles macht es einem damit deshalb ein bißchen schwer, weil er ja so als eine Art Denker des common sense auftritt und weil bei ihm, ähnlich etwa später bei manchem englischen Denkern, die abgründigste Fragen zunächst so beantwortet erscheinen, als ob sie dem einfachen Menschenverstand ganz selbstverständliche Antworten gewähren würden, während in Wirklichkeit gerade darunter eben diese Abgründe sich verbergen, – und damit berühre ich zugleich auch die spezifische Schwierigkeit, die der Interpretation des Aristoteles insgesamt zukommt. […] Ich könnte geradezu sagen, daß die “Metaphysik” des Aristoteles darum kreist; daß sie ihr Problem hat eben an diesem Widerspruchsvollen, daß auf der einen Seite dem Allgemeinen die Substantialität abgesprochen wird, daß aber auf der anderen Seite die Allgemeinbegriffe doch nicht die bloße Abkürzung der unter ihnen befaßten Besonderungen sein sollen, sondern daß ihnen trotzdem etwas zukommt, was sie über den bloßen ‘flatus voci’, den bloßen Hauch der Stimme erheben soll. […]
Und wenn Sie die Konzeption der Metaphysik begreifen wollen, dann müssen Sie auf diese Konstellation der Momente in der Aristotelischen “Metaphysik” von Anfang an Ihre Aufmerksamkeit richten. Er sagt, daß substantiell gegenüber dem Allgemeinen nur das Einzelne sei; daß nur das einzelne erscheinende, konkrete Phänomen wirklich sei."
- Theodor W. Adorno: Metaphysik, Frankfurt am Main 1998, S. 43f.
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