Skizzenbuch zur Psychoanalyse I – Der Ödipus_Komplex
– Wenn Begreifen etwas mit der Anerkennung, dem Vollzogen-Haben der Distanznahme zum ödipalen Begehren zu tun hat, dann dürfte die Kastration(sdrohung) der Gipfel dieser Erkenntnis sein.
I. a) Supremat der Kastration(sdrohung)
Ist sie es aber doch nicht (und diese Gründe sollten entfaltet werden), kann der Kastration in diesem »Begreifen« nicht dieser Supremat eingeräumt werden, dann muss die Kastrationsdrohung dergestalt dekonstruiert werden, so dass sie nicht länger strikt vom Vater als »realer« Person gedacht werden muss. Die Kastration stellt einen Gipfel der Ängste dar, sie ist aber nicht das einzige Moment der Ängste der Kindheit. Und vielleicht doch ihre Wesentlichstes, aber nicht ausreichend, um das Ödipale wirklich zu begreifen. Im Namen des Vaters zu sprechen, mag eine gewaltige Drohung sein, doch es gibt andere Drohungen (-Ziel: Kritik der Zentrierung des Ödipalen auf eine bestimmte Geschlechterdichotomie und eines bestimmten Begriffs der Kastration, naturalistisch gefärbt, in orthodox-freudianischen Konzeptionen).
b) Status des Ödipus-Komplexes (Idealtyp)
Der Vater ist damit sicherlich vermittelt, aber er ist nicht strikt Laios, es müssen sich keine Augen ausgestochen werden. Vielleicht ist er auch nur der apathisch nasse Sack, den nichts mehr rührt, oder er ist doch Ephebe, oder vielleicht, oder, vielleicht, vielleicht. Den Ödipus-Komplex als Idealtyp zu begreifen, gelingt nicht: Er wird durchkreuzt von Freuds Bestimmungen des Homosexuellen, die eine solche geschlechtliche Reduzierung verunmöglichen. Der Vater ist nicht bloß der Vater, sondern auch stets ein Sohn, ein Kind, ein durch sein Geschlecht Verwirrtes (er spricht im Namen des Vaters, er spricht nicht ungebrochen als Vater, weil der Begriff selbst nicht in ihm aufgehen kann). (Ziel: – Klassische Konzeption verdrängt homosexuelles Begehren, aber auch die Mutter als Aktives) Wird jenes Begehren erst in den Vollzügen gemacht, dann hat dieser Komplex auch keine Ewigkeit. Er kann also, und dies selbst im Rahmen des empiristischen Forschungsprogramms Freuds, veralten, unangemessen jenen Verwirklichungen sein, die sich unter diesem merkwürdig veraltet wirkenden Begriff “Familie” noch tummeln (Ziel: – Historizität theoretischer Konzeptionen der Psychoanalyse, aber auch: Wandlung der Begriffe in der Psychoanalyse).
c) Status der Freud’schen Mythologie
Freuds Liebäugeln mit der Mythologie deuten es an: Er wird nicht umsonst literarisch, weil davon sich nur in einer gewissen Weise erzählen lässt. Freuds szientifischer Anspruch stört dies nicht gravierend: Er bedient sich der Mythen, die auch die Wahrheit ihrer Zeit sind. Er gebraucht also gewisse Bilder, um deren Grenzen zu bestimmen, aber auch die Unangemessenheit einer szientifischen Anschauung zu verdeutlichen, die eben nicht mehr erzählen kann. Diese Anschauung ist ja auch dadurch von einem begrifflichen Denken unterschieden, welches die Form seiner Darstellung reflektiert. Und Freud szientifischer Anspruch ist eben nicht nur positivistisch: Freud erkennt die Grenzen des Mythos an, er glaubt nicht an die Grenzenlosigkeit einer Methode. Er befindet sich also außerhalb des Mythos – in beiderlei Hinsichten (Ziel: – Wissenschaftstheoretische Bestimmungen Freuds darlegend, dabei Fokus auf seinenEmpirismus, naturalistische Spuren und seinen Begriff der Metaphysik. Dies könnte sehr gut an den Aporien seines Begriffs der Schrift mit Derrida verdeutlicht werden).
d) Konkretion der Mythologie: die Urhorde
Freud bekräftigt deshalb auch so vehement seine These von der Urhorde. Er vermischt dabei nicht Mythos und Wirklichkeit, noch nimmt er die Urhorde als Abbildung einer mal wirklich bestand habenden Gemeinschaft. Wäre dem so, dann hätte Freud lediglich Hobbes mit etwas Darwin versetzt (Und außerdem wäre es ein merkwürdiges Enden der Hobbes’schen These: Erst nachdem dem Souverän der Kopf abgeschlagen, kann er sein Haupt erst wirklich als Menge der Brüder erheben – erst durch seine Abwesenheit kommt er erst als im Namen des Vaters Sprechender zur wirklichen Erscheinung).
e) Ursprungs-Erzählung im Werk Freuds
Vielmehr entwickelt er die Urhorde ja gerade aus einer Erzählung Darwins – und dies sagt einiges über die Geltung dieser »Spekulationen«, wie Freud es doch nennt (eine Vertragstheorie der Gesellschaft ist daher nicht Freuds Anliegen: Der Streit ist der ödipalen Ordnung vorgeordnet). Schließlich hatte schon Darwin hier in argen Anführungsstrichen formuliert. Freud nutzt dies aber, wohl wissend, dass es sich hier um eine Wissenschaftlichkeit handelt, die sich einer (damaligen) Gegenwärtigkeit hingegeben hat: einer ödipalen Imagination (petitio principii muss als höherstufige Reflexion ausgewiesen werden).
Obgleich Freud eine idealtypische Genealogie des Ödipus-Komplexes versucht, als Anfangen einer menschlichen Zeitrechnung, so begreift er sie als Erzählung, die Lücken füllt, Interpretationen in ein Verhältnis setzt, ein Modell in seiner Vergesellschaftetheit (auch Historizität) »verankern« soll, vielleicht die Psychoanalyse als solches sogar freundlich werden lässt – merkwürdige Bestimmungen gerade für eine wissenschaftliche Hypothese; und Freud gibt offen solche Auskünfte für das dünne Fundament seiner Überlegungen (genaue Exemplifizierung und Analyse dieser scheinbar nebensächlichen Begründungen Freuds). Freud müsste also anders gelesen werden, wenn wir sein Konzept des Anfangens des Ödipus-Komplexes nicht vollends verwerfen wollen. Seine Spekulationen können nicht als Geschichtswissenschaft gehandelt werden, noch als schlecht-abstrakte Metaphysik. Diese Schriften sind wirklich nicht die wesentlichen Stellen im Werk Freud, aber man kann mit ihnen etwas anfangen, wenn man sie ernsthaft als literarische Werke liest, die bedingt durch ihren Gegenstand oder eine angemessene Verhältnisbestimmung zum Gegenstand dieses Literarische fordern.
Anders gesagt: Wir können Urhorde, zivilisatorischer Ursprung als Vatermord, blanke Rivalität von Vater und Sohn und Es als Ursuppe getrost streichen, wenn wir Psychoanalyse begreifen wollen – oder wir können sie als Begriffskonstellationen begreifen, die etwas andeuten. Dann ist der Ödipus-Komplex nicht als solcher zu verwerfen, aber bedürfte einer Bestimmung, die ihn nicht als historische Konstante begreift, noch als rein heterosexistisches Begehren, noch als biologistisches Ringen um ein Geschlecht:
f) Selbstreflexivität dieser Ursprungs-Erzählung
– der Imperialismus des Ödipus-Komplexes bis zum Ursprung der Menschheit stellt dann etwas dar, was im Tätigsein des Ödipus-Komplexes seine Geltung einfordert, aber nicht der Ödipus-Komplex als solcher ist.
II.g) Kritik »postmoderner« Kritiken des Ödipus-Komplexes
Diese Kritik des Ödipus-Komplexes wird auch nicht dadurch aufgehoben, dass wir den Ödipus-Komplex aufgelöst in einer heterosexuellen oder heterosexistischen Matrix begreifen. Die ödipalen Tätigkeiten lassen sich nicht so fassen, dass wir sagen könnten: Es gibt etwas Äußeres, in welches wir hineingelegt, davon ursurpiert werden, was uns irgendwie fremd ist, und was eben nur eine Matrix ist, eine irgendwie vorgeordnete Struktur. Versuchte die freudianische Orthodoxie den Ödipus-Komplex als anthropologische Konstante zu fixieren, dessen Genealogie durch die Befunde diverser Einzelwissenschaften wie etwa der Ethnologie gestützt werden könnten, haben »postmoderne« Varianten der Freud-Rezeption das strukturalistische Sprachspiel aufgenommen. Dabei bleibt der reduktionistische Objektivismus erhalten, erfährt aber eine neue Markierung (auch hier: Ziel – Ausweis des orthodoxen wie diffusen Konzeptes als Objektivismus, da es die eigene Tätigkeit wie den Vollzug nicht angemessen denkt). Ob Butler so gelesen werden kann, ist nicht gesichert (Ziel: Widerspruch in ihrem Begriff der Performanz wie der politischen Praxis). Hier bleibt sie unklar. Aber man könnte Belege dafür finden: Ihre Fixierung auf den Akt der Anrufung, der für das Kind, da es dies nicht als wirkliche Anrufung wahrnehmen kann (»Es ist ein Mädchen!«), höchstens ein heilloser Lärm sein kann (Ziel: – Ambivalenz im Begriff der Sprache bei Butler herausarbeiten, die zwischen einer (instrumentalistisch-)strukturalistischen und eher tätigkeitstheoretischen Konzeption schwankt). Sprache wird für Butler zu einem Äußeren, auch wenn sie dies an mancher Stelle kritisiert. Wohlwollend könnten wir dies als »Abrichten« im Sinne Wittgensteins lesen: Sprechen anfangend ist wesentlich ein in-Praxis-gesetzt-Werden, ein Lernen, was auch als Unterwerfung zu lesen sein könnte – aber dies trifft es nicht ganz: Die Unterwerfung ist keine Frage der Entscheidung. Dieses “Es” ist nicht wirklich zu einem Zeitpunkt dieses “Es”, wenn es nicht mit anderen sprechen kann. Daher ist die Anrufung nur in ihrer Nachträglichkeit zu denken, aber nicht als Gewalt gegen ein Gewaltloses (Ziel: genauere Ausarbeitung des Begriffes bei Althusser). Genau letzteres wird aber in einer bestimmten Butler-Lesart gedacht: Die Anrufung macht aus einem an sich (guten) Ding, was weder Mann noch Frau ist, ein Geschlecht, obwohl es doch auch ganz vieles anderes sein könnte. Hier einen Subjektivismus-Vorwurf zu unterbreiten, liegt nahe, verkennt aber das Problem.
h) ‘Abwegige’ Lesarten der Kastration und ihre Wiederkehr im Butlerianismus
Nun folgt das ödipale Begehren einer Logik, die besagt: Ist die Klitoris so lang, die Schamlippen so ausgeprägt, der Penis nicht verkümmert etc., dann handelt es sich um einen zukünftigen Vater oder eine zukünftige Mutter. Bei Fällen, wo dies nicht gegeben, wird Gewalt angewendet und das Genital einem Schema des Genitals passend gemacht. Dies ist individuell grauenvoll und begrifflich dumm.
i) Auflösung des Leibes im Butlerianismus?
Nur denkt dies eine Butler-Lesart nicht auch spiegelbildlich verkehrt, wenn sie behauptet, dass der Ödipus-Komplex einfach verworfen werden kann? Indem Sinne, dass es kein Problem mit Klitoris und Penis, Fotze oder Schwanz gäbe, gäbe es die Begriffe nicht und hätten wir andere (Ziel: 1. Problematisierung einer politischen Veränderung durch anderen, normierenden Gebrauch der Sprache)? Als müsste es eine Macht, wie etwa den Patriarchen geben, der etwas verordnet, der etwas befiehlt, in dessen Namen gesprochen wird, wenn das Grauen der Genitalverstümmelung beschrieben werden will (und hier ist der Unterschied von Butler und Butlerianismus deutlich: Butler erkennt solche Imaginationen wie das Patriarchat nicht an, weil sie zu dichotom das Geschlechterverhältnis dächten – »der« Butlerianismus konfudiert meist verschiedene feministische Theorieansätze, die sich widersprechen). (Ziel: Problematisierung des Begriffes Heterosexismus) Das Genital kann nicht von einem Männlichen bestimmt werden, sonst wäre das Männliche irgendwie in sich ungebrochen, als wäre es wirklich das Männliche. Dann landen wir nämlich wieder beim Problem der Idealtypenkonstruktion, was Freud durch seine Literarizität problematisch hat werden lassen (Ziel: Heikel, da gezeigt werden müsste, dass Freuds Fassung hier eine Offenheit zeigt, die Butlerianismus abgeht. Frage ist, ob dies in der Form durchzuhalten, bzw müssten hier noch einmal die Widersprüche in Freuds Werk selbst deutlich werden). Freuds Anfang ist nämlich derjenige, indem im Namen des Vaters gesprochen wird, nicht der Zeitpunkt, wo ein wirklicher Vater spricht. Und dieses im-Namen-des-Vaters-Sprechen kann den Vater nicht als Ding begreifen, was einmal »da« war oder noch »da« ist. Der Vater selbst ist eine historische Tätigkeit zwischen Menschen (Ziel: Lacans Problematisierung des ‘Im-Namen-des-Vaters’ mit Freud vermitteln, d.h. Heraustreichen der Bedeutung des Dialogs, des Sprechens; warum eine solche Konzeption sich mit Idealtypen oder Standardsprachen nicht verträgt).
j) Kritik des Begriffs Heterosexismus
Idealtypisch, schlecht-abstrakt geht es zu, wenn diese Gesellschaft selbst als heterosexistische bestimmt wird, denn in der wirklichen Darstellung dieser Gesellschaft ist der Heterosexismus keine Macht aus Menschen die anderen Menschen gegenübersteht, sondern es ist ein Moment des praktischen Lebensvollzugs von Menschen (die eben nicht in den Markierungen aufgehen, sondern wider-streiten), was nicht als Herrschaft eines Geschlechts über die vielen Geschlechter oder Begehren gedacht werden kann (gleich ob dies »Dominierende« nun Mann, Frau oder Männlichkeit-Weiblichkeit, Heterosexuelles sei). Diese Herrschaft ist eine in Anerkennung, sie liegt im dauernden Streit, im Widerstreit mit sich selbst, ist selbst gebrochen (in sich selbst unterscheidend – etwas als etwas von etwas (anderem) scheiden). Dies verkennt ein Butlerianismus, nicht unbedingt Butler (Ziel: Anzeigen, inwieweit Geschlechter im Vollzug erst ihre Form gewinnen, selbst dort permanenten Verhältnisbestimmungen bedürfen, aber eben nicht die Gattung, den Begriff, die Einheit als Problem verlieren).
k) Unterschied der Begriffe Vollzug und Performanz?
Auch in der Praxis des Butlerianismus kann dies aufgespürt werden: Stand-Up-Comedies wie das Gender-Crossing seien Formen einer wirklichen Bewegung der Aufhebung des Geschlechts. Dort wird der Begriff der Performanz zu sehr als Entscheidung des Individuums gedacht, zu sehr eine fest Größe angenommen, die es gerade dann nicht mehr gibt, wenn wir den Ödipus-Komplex angemessen denken: Dann sind Penis oder Vagina nicht länger unwirklich, wenn wir ihnen etwa kein biologisch beschreibbares Organ zuordnen können, sondern diese sind dann übergreifende Begriffe. Dies macht sie nämlich zu ganz schwierigen Vollzügen: Was tue ich mit diesem Ding an mir oder in mir? Dies kann als Ödipales begriffen werden, als Problem, dass ich durch gewisse Erzählungen angeeignet bin und mir aneigne, nicht um angerufen zu werden, sondern um mich als Selbst im Anderen auszusprechen, im Namen des Vaters, der Mutter und des absoluten Geistes. Dies heißt: Penis oder Vagina sind nicht einfach hinfällig, nur weil wir anerkennen müssen, dass sie nicht bloß der Biologie als Gegenstände sind. Dies ist trivial. Daraus den Schluss zu ziehen, dass statt einem oder zwei Geschlechtern nun bloß viele angenommen werden müssten, also lauter individuelle Schicksale, die sich einer begrifflichen Rekonstruktion sträubten, dann werde ich das Begriffliche nicht los: Es sind trotzdem Geschlechter, also irgendwie auch das Allgemeine »Geschlecht«. Es sind dann nicht nur die Markierungen immanent zu kritisieren, die von Männlich oder Weiblich als den Polen des Geschlechterverhältnisses reden, sondern auch solche, die eine bloß vielfältige Darstellung propagieren. Sie denken den Leib als vollständiges Konstrukt und vergessen dabei ihre »Konstruktion« der Konstruktionen. Ihr Sprechen ist durch das Sprechen bedingt, in welchem sie sich als Konstruktionen aussprechen. Die Objektivität dieses Sprechens ist keine der Wissenschaft, aber der Geschichte gesellschaftlicher Praxis. Und innerhalb dieser Praxis haben Penis und Vagina als Begriffe eine gewisse Geltung. Der Leib ist dann aber auch nicht länger ein irgendwie Festes, Vorgeordnetes (Gut mit Butler in »Körper von Gewicht« zu zeigen, aber auch auf ihre begriffliche Unterbestimmtheit eingehen).
m) Status des Leibs
Selbst mein Leib ist dann gesprochen, aber nicht in der Weise, dass er vor der Anrufung schon irgendwie »da« war; er ist nicht irgendwie positiv dort gewesen – weder als »unbeschriebenes Blatt«, als Substanz oder als späterer »Penis«, was auch immer. Er ist wesentlich negativ da gewesen und ist es auch noch: als Widerfahrenes, als Ekel, als Ereignis, als Problem, als Widerstreit in mir. Dies deutet uns aber an, weswegen hier Sprache das Medium ist, eine gesellschaftliche Praxis, die weder als Struktur noch als Idealtypus zu fassen ist, die sich auch keineswegs in einer Genealogie oder einer Linearität ihrer Historizität erschöpfen könnte.
– Ihre Gegenwart ist der Schlüssel zu der Vergangenheit, das Vergangene nicht ihre Urform, sondern ihre Zu-kunft, etwas was sich je und je in dieser merkwürdigen Gegenwärtigkeit von sich selbst unterscheidet. Den Ödipus-Komplex als Problem bekommt man nicht ausgetrieben, aber Interpretationen von ihm müssen bestritten werden.
(Quelle: followthegoat, via thonesz)