Ich in der Krise meiner Kindheit LXVII: Es war eine Situation. Vermutlich will sie sich in nächster Zeit wiederholen. Man sieht sich eh nie wieder, darum wird man sich wieder im Anderen erkennen. Man hält es doch mit sich selbst nicht aus. Man kann es tun, aber es wird sich wesentlich nur zäh, unmerklich und schleppend ändern. Situationen sind quälend, sie wollen nicht aufhören, kehren wieder, kehren sich um. Man könnte sich mit sich selbst nach Hause nehmen. Man stellt gerne Vergleiche an, aber wähnt sich nur als Unterschiedenes; die Stimme wird nervig, die Haut rissiger im Blick, wenn er über sie gezogen ist wie Kreide auf trockenem Schiefer. Es müsste nichts weiter geschehen, aber es ereignete sich. Es klingt nach einem “Geh mit mir nach Hause, aber lass mich mit mir allein.” Es ist ein ewiges Warten, oft Vergessen, vielfach plump, mit Krämpfen und eben allerlei Grabschereien. Man ist müde, will schlafen. Die Bahn ist weg und es ist kalt. Kaum Lust aufzustehen, die Welt hat ein extremes Erfahren der Kindheit sich bewahrt, in sich.
“Shine, shine, shine, the sun is Shining in the Rain of Darkness”. Und dann kommt ein “Du singst voll gut”; es kam reingegrätscht, und es war ein Unglück, aber auch nicht verwerflich. Es war eine Anerkennung durch diese ganze Situativität hindurch, die sich sogleich der Ahnung einer Peinlichkeit oder Lächerlichkeit aussetzte, die es annehmen könnte, wenn man so etwas sagte. Blicke wurden ausgetauscht und Gespräche über Tatoos, Applications und verlässlichere Dummheiten getätigt. Die Verachtung des Anderen schwang dauernd mit und es war so, wie wenn ein ewiger Knabe in ihnen hockte, der ständig trotzig wiederholte, dass es doch so nicht sein könne. War es ja auch nicht. Wir sprachen ja auch über die sicheren 300 Euro, die man hätte machen können. Da waren sich alle einig und empfanden sich dabei nicht mehr als schäbig, sondern lachten, laut auf. Einen Bruch traute sich niemand zu, aber manche brachen, und erbrachen sich in gewissen Zyklen. Es roch oft nach WC-Stein, der einen ganz merkwürdigen Glanz in ihren Gesichtern verbreitete, weil sie sich erbrochen hatten. Entladen, mit einem Druck, der an Fliessen hinunterglitt.
Wir wussten, dass das Gehörtes war. Aber es fühlte sich so echt an. Nur in diesen Momenten entsteht dieses Echte, was am Schmerz dumpf geworden ist, was überhaupt nur noch dumpft. Wie die automatische Verbesserung beim Schreiben mit irgendeinem Handy, was noch die schönsten Pointen abtötet, weil es wieder ein Wort missversteht. Und dies nur, weil es nur verstehen kann, nichts lernt, nur abläuft. Wäre dies keine Metapher, man könnte fast meinen, sie verwirklichte einen Zustand, der die Situation wiederkehren, aber auch das wieder auskehren lässt, was alles auf einen Nenner bringen will. Das sind ganz einfache Wahrheithaftigkeiten, die einen Abend zu dem machen, was auch Glück bedeuten könnte: Dass so Missverstandenwerden, dass das Glück das Werden des Vergangenen ist, stets nur sein kann. In einer Nachträglichkeit, die immer schon die Situation verfaltet, künstlich, schön und endlich von sich selbst entfremdet werden lässt. Endlich. Knoten platzen in alten Freundschaften der Kindheit, die heraufdämmern, als ob es auch vergangenes Glück geben könnte, was nicht leuchtet, aber deutet, gedeutet wird, miteinandergeteilt.
Ein Abend, wo nur das Verstehen ist, wo Glück nur das Neue ist, das Überwältigende, das so natürlich sich Anfühlende, das Echte, da kann es kein Glück geben, weil es sich nicht mehr ereignen kann, irgendwo in einem Bilderreigen der Kindheiten befangen ist, abgelegt, zur Wiederholung gezwungen, weil nichts anderes sein darf, weil es ja dann entgleiten könnte – in ein Vielleicht.
(via areashape)
Ich in der Krise meiner Kindheit LXVII: Es war eine Situation. Vermutlich will sie sich in nächster Zeit wiederholen....
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