Wonnegrausen

Ich hätt' so gern ein Mozartzöpfchen und den Tausendtod in der Zitationsmasturbation...

Klitzekleine Gattungskunde I - Drama und Tragödie

Das Drama ist die Negation der Tragödie: Das Drama endet nie wirklich. Immer sind darin Konflikte hegemonial, die nicht durch das Sterben als Ereignis oder als individuelle Handlung bestimmt sind.

Das Drama ist trotzdem als Mimesis der Formen individueller Widerfahrnisse zu begreifen. Es bildet keine Wirklichkeit einfach ab, sondern ist selbst Moment des Wirklichen, da erst durch das Drama gewisse Formen der Widerfahrnis wirklich vergegenständlicht sind.

Diese Form der Literatur stellt individuelle Kämpfe um Anerkennung in Anerkennung dar - dies meint, dass sie zwischen wirklichen Individuen, nicht Typen oder Exemplaren ausgetragen werden (Darin unterscheidet sich das Drama von kulturindustriellen Formen der Dramatisierung, und wird dadurch schön oder angemessen.). Diese Individuen vollziehen mit Anderen etwas, was aber nicht in den Zwecksetzungen der Vollzüge aufgeht: Sie bleiben offen,  schließen sich nicht zur vollständigen Ohnmächtigkeit des Individuums ab, sondern werden im Enden wieder in eine gewisse Polyphonie überführt. Es bleiben an seinem Ende noch genügend Figuren übrig, sodass in ihnen gedacht werden kann. Und zwar so gedacht, dass in ihnen Formen individueller Erfahrung thematisiert werden können.

Diese Vergegenständlichungen sind aber nicht bloß einfache Verallgemeinerungen der Gattung des Dramas. Sie sind Besondere dadurch, dass sie nicht einfach Formen individueller Widerfahrnis abbilden, sondern sie in ihrer Besonderheit erst stiften - genauer: in einer gewissen Weise sich nicht nur anschmiegen, sondern in ihrem Anschmiegen diese erst wirklich ‘machen’. Anschmiegen bedeutet hier eben auch in einem vollen Sinne eine Tätigkeit: Mimesis ist eben nicht ein Abbilden, sondern eine Tätigkeit an etwas, in der dieses Etwas als Anderes erst wirklich wird.

Jedes Drama ist also unterschieden von der Gattung des Dramas, indem sie in ihrem Unterschiedenwerden die Gattung des Dramas erst stiften, im oben geschilderten Sinne. Diese Form stellt sich auch im je besonderen Drama dar: Sie zeigen vereinzelte Einzelne, die als Figuren so thematisiert werden können. Indem sich diese Figuren aber in Verhältnis zu anderen Figuren setzen, indem diese Figuren erst über ihre eigene Geschichtlichkeit, d.h. auch als Negation der Geschichtlichkeit, als Figuren sind, werden aus diesen Individuen wirkliche Individuen. Sie befinden sich also in einem Kampf um Anerkennung, der kein Enden hat, in Anerkennung, da sie als Individuen nie ohne ihre Vergesellschaftung sind.

Das Drama fasst nun solche Momente des Kampfes um Anerkennung in Anerkennung, in denen dieser Kampf deutlich wird. Kampf ist dafür vielleicht ein schlechtes Wort, und ist in seinem Gebrauch an bestimmte, nicht unproblematische Explikationen des Begriffes der Anerkennung anknüpfend. Wir könnten auch von einem Streit oder Widerstreit um Anerkennung reden.

Keine Anerkennung hat ein Ende, da sie nur im Prozess als Begriff der Anerkennung expliziert werden kann. Nur indem sich zwei Individuen als Individuen anerkennen, kann es so etwas wie Selbstbewusstsein geben. Dieses Selbstbewusstsein ist aber kein solches, welches bei den vereinzelten Einzelnen wäre. Selbstbewusstsein ist nur zwischen Individuen, indem sich ein Individuum an einem Anderen erst als Individuum erkennt. Selbstbewusstsein ist keine “Eigenschaft” der Individuen, kein Resultat ihrer “natürlichen” Dispositionen, sondern nur als “Dispositive” ihrer Zweiten Natur.

Diese Zweite Natur ist nie homogen. Sie ist immer nur zwischen Individuen, die in Geschichte sind, also im werktätigen Lebensvollzug der Vielen. Dieser werktätige Lebensvollzug ‘findet’ die Darstellung seiner Negativität in der Kunst, hier: im Drama. Und besonders im Drama, weil es als Dialog die Qualität des Lebensvollzuges ist. Indem sich die Individuen nämlich missverstehen oder verkennen, können sie erst wirklich Individuen sein. Denn nur wenn ich den Anderen auch missverstehen kann, also nur, wenn ich nicht von diesem Anderen weiß, wenn er nicht in der Gesamtheit meiner Zwecksetzungen aufgeht, kann er Anderes und damit Individuum sein. Der Begriff des Individuums ist nur sinnvoll expliziert, wenn es in den Bestimmungen seiner Gattung nicht aufgeht. Darum zeigt das Drama den Widerstreit, ist der Widerstreit als ästhetisches Besonderes.

Das Drama ist aber deshalb als Drama, weil es auch belangloses Geschwätz werden kann. Wir kennen sein Enden schon, weil bestimmte Schemata wiederholt werden, wir verachten diese Figuren, weil sie holzschnittartig wirken oder bloße Exemplifizierungen von dramatischen Erzählungen sind, um die wir schon wissen. Daher ist das Drama nicht wirklich um eine Darstellung des Sterbens, der katastrophalen Gewalt bemüht. Es kann stets seicht werden, es kann sich stets als Drama verkennen. Daher ist ja auch die Tragödie die Negation des Dramas, weil sie wirklicher das Enden der Anerkennung darstellt.

Die Tragödie muss sich jedoch auf das Drama beziehen, kann es nicht einfach als bloßen Kitsch, schlechten Pathos von sich abstoßen, es muss sich in sich selbst von ihm unterscheiden. Tragisch kann eben auch bedeuten, dass es nicht so ‘einfach’ wie im Drama zugeht, dass das Drama gewissen Vergegenständlichungen individueller Widerfahrnis unangemessen ist. Gewisse Gegenstände, die nicht per se ästhetische Gegenstände sind, also auch auf den Begriff gebracht werden können, fordern die Tragödie, nicht das Drama. Aber sie können die Tragödie nicht so fordern, dass ihre Dramatisierung ausgeschlossen werden kann. Erst in ihrer Dramatisierung vollziehen sie sich als angemessene oder unangemessene (Und Vollzug ist nur sinnvoll in einer Tätigkeit als Vollzug zu thematisieren. Darum ist die Unangemessenheit oder Angemessenheit des Dramas nur in seiner Interpretation, in seinem ‘Durchspielt- werden’). Daher kann die Negation des Dramas durch die Tragödie, nie zu einer (geschichtsphilosophischen) These führen, dass das Drama im Gegensatz zur Tragödie vollständig veraltet, falsch oder unernst sei. Es gibt Formen des Widerstreits, die wirken als Tragödie schlichtweg lächerlich, pathetisch oder schlecht abstrakt, schlecht übertrieben - und werden erst im Drama wirklich vergegenständlicht. Die Bewegung der Negation steht deshalb in diesen Gattungen nicht still. 

Das Ende der Kunst ist aber immer bereits schon in den Gattungen beschlossen, wenn sie sich anhand von Kriterien vergegenständlichen, wenn sie in einer Normativität zu erstarren drohen, die diejenige ihres Unterscheidens ist. Es muss daher das Besondere immanent kritisiert werden, um zu einem allgemeinen Begriff der Gattung zu gelangen, den sie in bestimmter Weise immer schon investiert haben muss, um dann festzustellen, dass in der Gattung sich Momente befinden, die Falten in sie gelegt haben: Jenes eine Etwas, was dann als ein Drama oder eine Tragödie Markierbares sich für uns in der Tätigkeit des Unterscheidens bestimmt und ereignet. Daher können wir sagen, dass es nie das Drama oder die Tragödie gibt, sondern Etwas, was durch die Markierungen ein Wirkliches wird - aber die Markierung spaltet sich, sie bricht: Das Allgemeine der Markierung ist nur im Verhältnis zum Besonderen des Markierbaren. Etwas kann in einer Hinsicht dramatisch sein, in einer anderen Hinsicht tragisch. Dies ist kein Relativismus, sondern eine Kritik des Relativismus, da sie die Markierung nicht als ein Sekundäres behandelt. Sie setzt die Markierungen aber auch nicht als bloße Objektivität oder als Prototypen.

Sie kann das Markieren als eine dramatische Tätigkeit darstellen, da sie nicht wirklich aufhört, sondern ein Widerstreit ist, der sich in Unentschiedenheiten beruhigt. Sie kann aber auch es als eine tragische Tätigkeit darstellen, denn die Tätigkeit des Unterscheidens muss notwendig möglich scheitern. Nur im tragischen Scheitern gewinnt eine dramatische Peripetie ihre Form als irgendwie doch gelingende. Und in ihrem Davonkommen expliziert sich die wirkliche Gewalt, wenn der Leib zerstückelt im Widerstreit um Anerkennung stirbt.   

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  2. von diesebastionbehrisch gepostet
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